Markomannenchronik (2001)

Die Markomannenchronik wurde 2001 zum 100. Stiftungsfest des KStV Markomannie erstellt und umfasst neben der 100jährigen Geschichte die gesammelten Grußworte und Ansprachen, eine Liste aller Vorstände, eine Laudatio auf Heinrich Austermann, sowie ein Mitgliederverzeichnis, inkl. einer Liste der Verstorbenen BbBb. Das Mitgliederverzeichnis wird hier nicht online gestellt. Es steht aber allen BbBb im internen Bereich von https://www.markomannia.org zur Verfügung.
Die Chronik wurde in großer Auflage gedruckt und jedem BbBb zugesandt.
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Altherrenverein Markomannia (Hg.) Markomannia 100 Jahre, Festschrift zum Jubiläum/ Altherrenverein Markomannia. - Greven: V.f.G., 2001
ISBN: 3-9807065-1-6
Herausgeber: Altherrenverein Markomannia
Kampstraße 10
D-48147 Münster
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Handle mannhaft dem gegebenen Schicksal folgend und es ertragend stark in der Zukunft mit rechtem Sinn den Gütern des Friedens dienend
Grußworte
Grußwort des Philisterseniors
Liebe Markomannen! Festschrift „100 Jahre Markomannia" liegt in Euren Händen. Die Autoren freuen sich, sie alle Lesern zur Erinnerung an frühere Zeiten und vor allem hoffentlich zur Freude überreichen zu dürfen. „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschliesst, wird blind für die Gegenwart!" Dieses Wort unseres Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker kennzeichnet treffend die Ausgangssituation, der sich der Festausschuss vor mehr als einem Jahr gestellt hat. Es war unser Anliegen, die Momente wiederzufinden, die zur Gründung der Markomannia geführt haben. Wir wollten die historischen Wurzeln und das Fundament verstehen lernen, welche Markomannia allen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen zum Trotz durch die letzten 100 Jahre getragen haben. Die beeindruckenden Festvorträge von Bb Dr. Heinrich Hoffschulte und Prof. Dr. Günter Rinsche aus Anlaß des 9. Februars 2001 haben uns in vielen Beispielen aus unserer Geschichte bestätigt, dass das Fundament unserer Prinzipien im katholischen Glauben auch heute noch trägt. Heute sollten wir uns unserer Verantwortung als gläubige Christen gegenüber den Herausforderungen im neuen Jahrtausend stellen. Zugleich ist dieses Buch Reverenz und Dank an jene Bundesbrüder, welche in der Vergangenheit Großes für unsere Korporation geleistet haben. Ein intensives, historisches Quellenstudium in Bibliotheken und Archiven förderte eine ungeahnte Fülle an Material zutage. Bisher verborgene Urkunden, Berichte, Dokumente und Fotos aus allen Zeiten unserer Geschichte wurden entdeckt, diskutiert und verarbeitet. Aus den umfangreichen Quellen mußten wir eine Auswahl treffen, schließlich sollte nicht ein mehrbändiges Werk entstehen, sondern eine handliche Festschrift. Wir hoffen, diesem Ziel zumindest nahe gekommen zu sein. Als Nebenprodukt ist ein umfangreiches Archiv entstanden, welches gewährleistet, dass die gesammelten Materialien gepflegt und künftigen Generationen zur Verfügung stehen werden. Aus dem gleichen Fundus konnte eine Fotoausstellung geschaffen werden, welche 100 Jahre Korporationsgeschichte im Bild dokumentiert. In dem von Johann Conrad Schlaun erbauten Schloss zu Münster, heute Heimat unserer Alma Mater, wird sie anlässlich unseres 100. Stiftungsfestes zu bewundern sein. Eine kleine Anzahl der Bilder hat auch Eingang in diese Festschrift gefunden. An dieser Stelle ist es mir zugleich Pflicht und Freude, allen Bundesbrüdern Dank zu sagen, die an der Erstellung der Festschrift, der Fotoausstellung und der Vorbereitung unseres 100. Stiftungsfestes mitgearbeitet, viele freie Stunden geopfert und in den Dienst der guten Sache gestellt haben. Damit lieferten sie erneut einen Beweis, dass Markomannia lebt! Dieses Engagement lässt uns mit Zuversicht in die Zukunft schauen und gibt uns den Mut, auch künftig immer wieder von Neuem jungen Bundesbrüdern Orientierung zu geben und sie für unsere Gemeinschaft zu begeistern. Mit Markomannengruß
Dr. med. Bernhard Egen, Philistersenior
Grußwort des Aktivenseniors
Liebe Bundesbrüder, stolze 100 Jahre ist unsere Markomannia alt geworden. 100 Jahre und keineswegs gealtert! Wie ist das zu erklären? Unser Lebensbund beruht auf einem Fundament von überzeitlicher Geltung, den drei Prinzipien religio, scientia und amicitia. Sie haben den Verein begründet, begleitet, zusammengehalten und alle politischen Systeme des vergangenen Jahrhunderts überdauern lassen! Aus diesem Grunde haben wir zu unserem Jubiläum einmal nach ihrer Bedeutung gefragt und die Inhalte der formalen Leitideen in Chronik, Geschichte und Biographie herausgearbeitet. Die Ergebnisse der Nachforschungen werden in dieser Festschrift vorgelegt. Sie fügt die vielen Semester-Teilbeiträge zu einer Art „Enzyklopädie" zusammen, soll nicht nur Jung mit Alt verbinden und Erinnerungen wachhalten, sondern auch ein unverzichtbares Nachschlagewerk für kommende Generationen sein. An den hier aufscheinenden Markomannengeist will der Vorstand im Jubel-Semester anknüpfen und seine Prinzipien zeitgemäß leben. Mögen nach uns noch viele Vorstände durch die „Schule Markomannia" gehen und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln.
Vivat, crescat, floreat ad multos annos! Marc-Albert Kuntz Mk! X, Aktivensenior
Grußwort Seiner Exzellenz Bischof Dr. Reinhard Lettmann
Liebe Mitglieder der Studentenverbindung Markomannia! Herzlich gratuliere ich Ihnen zum 100-jährigen Bestehen der Studentenverbindung Markomannia. Gern übermittele ich Ihnen meine Glück- und Segenswünsche! In den zurückliegenden 100 Jahren hat die Verbindung Studenten aus allen Fachrichtungen zusammengeführt. Die Vielfalt der in der Verbindung vertretenen Disziplinen und die Verbundenheit zu bereits berufstätigen Mitgliedern weiten das Blickfeld für die Differenziertheit gesellschaftlicher Realität. Neben dem universitären Studium tragen die weiteren Aktivitäten zur Formung sozialer Kompetenz bei. So kann die Verbindung seit ihrer Gründung dazu beitragen, dass für die Studenten nicht nur das Fundament akademischer Bildung gelegt wird, sondern auch eines von menschlicher Reifung und Identität. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Bildung und Wissen über technische Zusammenhänge und Regeln zur unabdingbaren Voraussetzung einer Bewältigung beruflicher Aufgaben gehören. Zu unserer menschlichen Existenz gehört daneben aber auch die Erfahrung, dass uns Menschen etwas fehlt, wenn wir alles haben und wissen und doch über das Ganze unseres Lebens nicht verfügen können. Hierher gehört alles Denken, das sich den Fragen stellt: Was ist der Mensch? Wie kann ich die Wirklichkeit meines Lebens angemessen verstehen, nicht nur seine technischen oder wirtschaftlichen Abläufe, sondern auch ihren Sinn, ihre Lebenstiefe? Was ist eigentlich gut, was ist böse? Was stiftet den Sinn meines persönlichen Lebens? Welche Linien bestimmen mein Handeln? Diese Erfahrungen weisen uns darauf hin, dass wir alles, was wir wissen können und lernen sollen, immer in Beziehung setzen müssen zu unserem Verständnis von Welt und Mensch. Alles Lernen und alles Wissen muss sich am Selbstverständnis des Menschen ausrichten. Für uns Christen hat die unbedingte Würde des Menschen ihren Grund in Gott, der sich in seinem Sohn Jesus Christus gezeigt hat. Der Glaube an die Menschenfreundlichkeit Gottes gibt unserem Leben das sinnstiftende Fundament, das wir uns niemals selbst geben können. Er bestimmt unseren Einsatz für seine Zukunft, die durch Verantwortung, Solidarität und gegenseitige Achtung geprägt sein muss. Das Evangelium zeichnet die Linien unseres Denkens und Handelns vor. Die Treue zum Evangelium Jesu Christi und die persönliche Verbundenheit zur Kirche als Gemeinschaft der Christen wird in unserer heutigen Zeit nicht mehr durch selbstverständliche Traditionen und Autoritäten gestützt, sondern liegen in der Entscheidung und im Ermessen des Einzelnen. Hier liegt die zentrale Aufgabe der Studentenverbindung. Wir brauchen eine Vielzahl von Wegen, auf denen Menschen zu einem Leben aus dem Glauben und in die Gemeinschaft der Kirche finden. Sie können über Studium und Verbindung jungen Menschen einen solchen Weg eröffnen. Ich ermutige sie, unerschrocken und glaubwürdig dem verbreiteten Individualismus, der Einsamkeit und der Angst vor der Zukunft das Zeugnis von Solidarität, Freude und Hoffnung entgegenzusetzen, wie es der Apostel Paulus schreibt: „Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadele, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!" (2 Tim 4,2-5) Ihnen und allen, die sich Ihnen verbunden wissen, wünsche ich Gottes Segen! Ihr
+ Dr. Reinhard Lettmann
Grußwort des Regierungspräsidenten
Zum 100-Jahr-Fest des KStV Markomannia übersende ich allen Mitgliedern meine herzlichsten Glückwünsche. Einhundert Jahre KStV Markomannia ist ein Jubiläum, das Sie mit Stolz feiern können. Es zeichnet den KStV Markomannia aus, daß er sein Selbstverständnis nicht auf einen geschlossenen akademischen Bund reduziert. Auf Grundlage der Prinzipien Religion, Wissenschaft und Freundschaft verstehen die Markomannen die akademische Ausbildung vielmehr auch als Verpflichtung zur Verantwortung in Kirche, Staat und Gesellschaft. Gerade in der gegenwärtigen Phase umfassender Veränderungen und Umbrüche ist ein aktives Engagement zur verantwortungsbewussten Mitgestaltung in unserer Gesellschaft unabdingbar. Umso wichtiger sind daher die Beiträge, die durch Ihren Studentenverein zur Verfestigung einer solchen geistigen Grundhaltung geleistet werden. Einhundert Jahre KStV Markomannia ist aber auch ein Stück Geschichte des studentischen Lebens in Münster. Ob Vortragsveranstaltungen in der Kampstrasse 10 oder sommerliche Abende auf dem Bootshaus, für Generationen von Studentinnen und Studenten auch ausserhalb Ihrer Verbindung sind die Begegnungen mit dem KStV Markomannia unvergesslich.
Dr. jur. Jörg Twenhöven, Regierungspräsident (Car-F)
Der Oberbürgermeister der Stadt Münster
Münster wird durch die Westfälische Wilhelms Universität und die anderen Hochschulen geprägt wie kaum eine andere Universitätsstadt. Die Studierenden bereichern das gesellschaftliche und kulturelle Leben unserer Stadt, sie sorgen dafür, dass Münster zugleich eine alte, historisch gewachsene wie eine junge, sich ständig erneuernde Stadt ist. Dabei hat sich über die Jahrzehnte Münsters Beliebtheit als Studienort immer mehr gesteigert. Unsere Stadt gehört heute zu den beliebtesten Studienorten in Deutschland. Mit dazu beitragen auch die vielen Korporationen, die insbesondere Studenten, die von ausserhalb Münsters stammen, den Zugang zu unserer Stadt erleichtern, ihnen schnell ein Gefühl von Heimat und Gemeinschaft geben. Die Korporationen, Studentenverbindungen und Studentenvereine in Münster haben oftmals eine sehr lange Tradition. Einer der traditionsreichsten Studentenvereine unserer Stadt, der KStV Markomannia feiert im Jahr 2001 sein l00jähriges Jubiläum. Ich beglückwünsche den KStV Markomannia sehr herzlich zu seinem 100. „Geburtstag", danke für die bislang geleistete Arbeit und wünsche ihm und seinen Mitgliedern für die Zukunft alles Gute.
Dr. jur. Berthold Tillmann
Grußwort des KV-Rats-Vorsitzenden
Liebe Kartellbrüder, liebe Markomannen, Für Aussenstehende ist es immer wieder erstaunlich, dass sich unsere Korporationen insgesamt trotz aller Anfeindungen und Anfechtungen so lange behaupten konnten. Hier muss wohl ein Erfolgsrezept wirken, das mit mehr Zukunft ausgerüstet war, als viele es vermutet hatten. Ein herausragendes Beispiel für diese Erfolgsgeschichte des katholischen Korporationswesens ist der Studentenverein Markomannia an der Universität Münster, der nun schon hundert Jahre besteht. An ihm lässt sich unschwer ablesen, warum er in einer Welt, in der, wie es Rainer Maria Rilke schon vor 80 Jahren bemerkt hat, Nützlichkeit und Opportunismus vorherrschen, ein Bund überzeugter Idealisten nicht untergehen wird. Das klare Profil der Markomannia mit seinem offenen Bekenntnis zum katholischen Glauben, seiner Verpflichtung zur wissenschaftlichen Leistung und einer die Generationen überschreitenden Freundschaft hat der Korporation zu einer Blüte bis in unsere Tage verholfen. Dankbar ist unser Verband dafür, dass sich Markomannia stets zu uns bekannt und sich nicht verschlossen hat, an führender Stelle mitzuwirken. Hier wurde Kartellbrüderlichkeit beispielhaft vorgelebt. Der KV braucht solche Korporationen, die, wie Markomannia kritisch und solidarisch zugleich, ihn vor Selbstgenügsamkeit bewahren. Ohne Zweifel ist die Geschichte der Markomannia noch nicht beendet. Sie darf mit einiger Gewissheit noch auf viele weitere glückliche Jahre hoffen. Das wünscht Euch von Herzen Euer
Dr. Wolfgang Löhr, Vors. KV-Rat (Arm, Car-F, Un, Ru-Ke, Gro-Lu, Car)
Grußwort des Vorsitzenden im KV Ortszirkel „Drubbel"
Liebe Kartellbrüder, „Zuerst muss man an die Sache denken, darauf an die Idee, dann an den Zusammenhang der Teile und schließlich muss man alles zu einem untrennbaren Erscheinungsbild zusammenfügen." (Gian Lorenzo Bernini) Was hier ein grosser Baumeister in seinem Baubüro seinen Schülern als Maxime auf den Weg gab, gilt auch und besonders für den KStV Markomannia im KV. Als Vorsitzender des Altherrenvereins Germania und damit für die Mutterkorporation übermittle ich unserer Tochter Markomannia zum 100. Geburtstag herzliche Glückwünsche. Die Maximen Berninis sind übertragbar auf die Gründung des KStV Markomannia am 14. Februar 1901, als durch Teilung Germanias zwei neue Korporationen entstanden. Die Maximen Berninis hatten Gewicht für 100 Jahre, in denen nicht nur innerhalb einer Familie über die Generationen Leben vermittelt wird, sondern auch und besonders in einer Korporation der historische Überblick dank seiner Mitglieder gewahrt wird. Die Maximen Berninis haben Gewicht: Sache - Idee - Zusammenhang (-halt) - untrennbares Erscheinungsbild. Markomannia hat dadurch Gewicht - wir als Mutterkorporation Germania - und mit Germania der KV-Ortszirkel „Drubbel" können stolz darauf sein. Gewicht haben bedeutet: Einsatzmöglichkeiten für Staat und Kirche, für unseren Kartellverband in Deutschland, für unseren Ortszirkel „Drubbel" in Münster. 100 Jahre liegen hinter Markomannia, weitere Jahre liegen vor Markomannia - Leben aus der Gegenwart für die Zukunft. Markomania wünsche ich ein stetes Blühen, Wachsen und Gedeihen.
Dr.med. Michael Heil, Philistersenior KStV Germania (Bsg, Bar, Nf, Gm)
Grußwort des Studentenpfarrers Hans-Bernd Köppen
Liebe Markomannia! Vom Kaiserreich bis zum demokratischen Staat, der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland - Diese Stichworte skizzieren die großen Veränderungen im Staat in den letzten 100 Jahren. In der Technik, der Medizin und allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen lassen sich vergleichbare Veränderungen beobachten. Wie sehr sich die Kirche gewandelt hat, macht gerade ein Blick in die Geschichte deutlich. Als Studentenverbindung feiern Sie in diesem Jahr Ihren 100. Geburtstag. Grund genug, mit dieser Festschrift Rückblick auf die Geschichte der Verbindung zu halten. Manche Erinnerung wird sicherlich dadurch in Ihnen geweckt. Gerade Studenten können aber nicht einfach nur Erinnerungen wachhalten. Es gilt im Kontakt mit der Geschichte die Zukunft zu gestalten. Gott selber ist der Ursprung und die Vollendung der Geschichte. In der Menschwerdung seines Sohnes ist er einzigartig mit ihr verbunden. Dadurch gibt er dem menschlichen Leben Würde und Wert. Ein Rückblick in das 20. Jahrhundert macht deutlich, wie oft diese Würde mißachtet worden ist. Als katholische Studentenverbindung wollen Sie die Botschaft Jesu in der Welt leben. Die Würde und den Wert menschlichen Lebens gilt es dabei auch im 21. Jahrhundert zu bezeugen und einzufordern. Zu Ihrem Jubiläum gratuliere ich Ihnen als Studentenpfarrer herzlich. Für die Feierlichkeiten wünsche ich Ihnen gutes Gelingen und für Ihre weitere Arbeit Gottes Kraft und Segen.
Hans-Bernd Koppen, Studentenpfarrer
Grusswort des katholischen Standortpfarrers
Dem jubilierenden Katholischen Studentenverein Markomannia im KV spreche ich gerne meine herzlichen Glück- und Segenswünsche aus. Markomannia: das ist nicht bloss ein Verein, sondern ein Generationen überdauernder, lebendiger, in Formen und Prinzipien gefestigter Bund katholischer Akademiker. Zum 100jährigen Bestehen zu gratulieren ist mir Verpflichtung und zudem Vergnügen. Ich selbst gehöre seit über 25 Jahren aus gewachsener Überzeugung demselben Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine an. In all den Jahren habe ich die einzelnen Freundeskreise in den Vereinen sowie den gesamten KV als echten Lebensbund erfahren. Wer das Wagnis eingeht, sich an einen oder mehrere Studentenvereine zu binden, und in diesen auch engagiert mitlebt, der darf heute und auch später immer wieder erfahren, dass sich die Mitgliedschaft im KV als hilfreich und Halt gebend erweist. Das beziehe ich nicht bloß auf die berufliche Zukunft des einzelnen, sondern meine es im umfassenden Sinn. Mehr als in vergangenen Generationen braucht jeder von uns Interessengemeinschaften und Freundeskreise, in denen Persönlichkeit und Glaube wachsen können und sich bisweilen auch bewähren müssen. Als katholischer Studentenverein genüge sich Markomannia niemals selbst. Ich wünsche ihm zu seinem 100jährigen Bestehen, dass er auch weiterhin Christen dazu befähigt und ermutigt, den katholischen Glauben nach innen und nach aussen freimütig und engagiert zu bekennen und in der Kirche mit Verantwortung zu übernehmen. Die Bereitschaft, sich schliesslich auch am politischen Leben aktiv zu beteiligen, ist daraus nur die logische Konsequenz. Das Jubiläum fällt in eine Zeit ziemlicher Unwetter um das Schiff KIRCHE. Die offizielle Laienvertretung in Deutschland schickt sich m.E. an, sich in verhängnisvoller Weise vom Papst und den Bischöfen einerseits und von grossen Teilen der Basis andererseits zu entfernen. Damit wird das laikale Element letztendlich geschwächt. Ich wünsche den Markomannen getreu ihrem Wahlspruch „Viriliter age!" hier vor allem ihre Verantwortung zu erkennen. Ich erhoffe mir zum Jubiläum ein erneuertes Ja der Markomannia zum KV und zu seinen seit nahezu 150 Jahren gelebten Prinzipien, damit letztendlich das treue Bekenntnis zum dreifaltigen Gott und seiner Kirche.
P. Robert Jauch OFM, Militärpfarrer (Rh-I, Rh-F, Ta, Arm, E.d. GroLu)
Grußwort des Prorektors für Lehre und studentische Angelegenheiten der Westfälischen-Wilhelms-Universität
Hundert Jahre sind in der Geschichte des Bildungswesens und vor allem der Studentenschaft eine lange Zeit, vor allem im zurückliegenden 20. Jahrhundert mit seinen vielen Brüchen und Untergängen. Nicht nur zwei Dutzend Alters- bzw. Studentenkohorten sind schätzungsweise in diesen hundert Jahren durch die Universität gegangen, sondern sie waren selbst Teil der permanenten Wachstums- und Veränderungsdynamik, die die moderne Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfaßt hat. Nicht nur daß jede Generation mit eigenen Erfahrungen und Erwartungen die Alma Mater betrat und damit auch ein Stück mit prägte, sie mußte mit dem Aufbrechen der bürgerlichen Sekurität des 19. Jahrhunderts und mit dem Eintritt in das Jahrhundert der Extreme sich immer neuen sozialen, kulturellen und politischen Herausforderungen stellen. Ob ihr das immer gelungen ist, darüber kann man trefflich streiten, solange man jede Generation in ihrem Wollen, ihrem Verhalten und auch ihren Irrtümern ernst nimmt. Die Suche nach Orientierung in einer Welt des Wandels war sicherlich ein Motiv für die Bildung studentischer Gemeinschaften, deren Zahl auch mit dem allgemeinen Anwachsen der Studierendenzahlen zunahm. Schließlich verdreifachte sich zwischen 1870 und 1914 die Zahl der Studenten an den deutschen Universitäten. Was uns heute als Idylle erscheint, wurde schon um die Jahrhundertwende als Ausdruck einer „Massenuniversität" verstanden. Hinzu kam, daß die deutschen Universitäten nicht erzogen; sie waren nicht, wie das College, eine Institution gestalteten gemeinsamen Lebens. Die geselligen und emotionalen Bedürfnisse ihrer „Zöglinge" wurden darum außerhalb oder am Rande der Universität erfüllt. Das war ein wichtiger Grund für das Entstehen einer „studentischen Subkultur" (Nipperdey) mit eigener Sprache, eigenem Stil, eigenen Normen, eigenen Riten und Symbolen. Sie waren nicht nur wichtig für die Identität der Gruppe und die Bewahrung ihres Selbstverständnisses. Sie grenzten zugleich ab. Träger und Wahrer dieses Stils waren die Verbindungen, zu deren Selbstverständnis es gehörte und gehört, daß sie Gemeinschaften der Selbsterziehung zu Verantwortlichkeit, Selbstdisziplin und Selbstbewußtsein seien! Ihre Kritiker sahen in Mensur, Kneipe und Kommers aber den Ausdruck eines Kastengeistes. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft war bei denen besonders ausgeprägt, die ihre eigene Sozialkultur in besonderer Weise meinten behaupten zu müssen. Dazu gehörten auch die katholischen Studenten, die gemessen an dem Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung lange unterrepräsentiert waren. Auch die Gründung des KStV Markomannia zu Münster vor hundert Jahren gehört in diesen Zusammenhang des Wachstums der Universitäten und der Studentenschaft. Die Universität Münster hatte ihren Status als „Minderuniversität", mit der sie sich im 19. Jahrhundert lange bescheiden mußte, abgelegt und konnte mit der Gründung der Juristischen Fakultät 1902 endlich wieder Volluniversität werden. Die Studentenzahlen stiegen zwar zunächst noch langsam, aber nach dem Ersten Weltkrieg kontinuierlich an. Zu einer wirklichen Explosion führte das aber erst seit den 1960er und 1970er Jahren, als die Westfälische-Wilhelms-Universität zu einer wirklichen Massenuniversität wurde. Der Anteil der in studentischen Verbindungen organisierten Studierenden hat mit dieser Massenentwicklung nicht Schritt gehalten, wollte und konnte dies vermutlich auch nicht. Hinzu kam und kommt die dramatische Veränderung unserer Lebensformen, die auch vor den Verbindungen nicht halt gemacht hat. Dass sich mit der Individualisierung und Pluralisierung unserer Lebenswelt das Bedürfnis nach Selbstorganisation und Selbstverwirklichung in einer kleinen Gemeinschaft, die überdies die Erfahrungen mehrerer Generationen in sich vereinigt und weiter trägt, nicht verflüchtigt hat, das zeigt das muntere Weiterbestehen der Verbindungen in der Unübersichtlichkeit einer großen Universität. Darum kann auch der KStV Markomannia sicherlich mit einigem Stolz auf sein hundertjähriges Bestehen blicken.
Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer (Prorektor für Lehre und studentische Angelegenheiten der Westfälischen-Wilhelms-Universität)
Korporationen in der Hochschule 2001: Ein Geleitwort
Prof.Dr. jur. Franz Ludwig Knemeyer Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht Universität Würzburg
1. Markomannia - woher - wohin?
Noch im Jahre 1901 prägten die Korporationen das Bild der Universitäten. In der Blütezeit der deutschen Universitäten blühten auch die Korporationen. Zwar waren die Mitgliederzahlen in dieser Zeit gegenüber den Zahlen des 19. Jahrhunderts prozentual schon zurückgegangen. Die Korporationen selbst hatten sich schon längst vom alten Bild der „Landsmannschaften" - Zusammenschlüssen von Studenten gleicher landsmannschaftlicher Herkunft - zu herkunftsunabhängigen Richtungszusammenschlüssen gewandelt. Es gehörten immer noch weit mehr als die Hälfte aller Studenten einer Verbindung an. Auch kurz vor dem 1. Weltkrieg -1913 - waren dann von 77.800 Studenten noch 32.800 aktiv. Der Prozentsatz hat sich nach dem l. Weltkrieg sogar nochmals wieder erhöht: 1928 waren von 112.400 Studenten 57.000 korporiert. Für die Universität Münster - zwar schon im Jahre 1780 offiziell gegründet - begann die eigentliche Universitätsgeschichte erst im 20. Jahrhundert mit der Errichtung der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät am 1. Juli 1902 und der Ausweitung der alten theologisch-philosophischen Akademie zu einer Fakultät für Philosophie und Naturwissenschaften im Jahre 1903. Mit dieser Grundlegung für eine echte Universitas wurde auch der Boden für eine grössere Zahl von Korporationen tragfähig. Diese Entwicklung richtig einschätzend, entstand auch unsere Markomannia, um einem Teil der schnell wachsenden Studentenzahlen eine über den engen Studienbereich hinaus gehende, echte universitäre Heimat geben zu können. Zur Zeit des 50. Stiftungsfestes im Jahre 1951 begann für die Korporationen eine zweite Blütezeit. Zunächst noch verboten und namentlich von den Kriegsheimkehrern auch nicht sonderlich geachtet, fanden doch gerade die im Kriege nicht mehr Eingezogenen sehr schnell zu den alten Idealen der Verbindungen. Schon wenige Jahre nach der Wiederzulassung sprach man von einem Boom - übrigens ein erstes Zeichen, dass amerikanische und englische Einflüsse auch die Sprache in den Verbindungen zu ändern vermochten. Dieser Aufschwung zeigt sich sehr deutlich bei einem Blick in unser Mitgliederverzeichnis der Jahrgänge 1933 - 1948, also der Studentenjahrgänge 1954 - 1968. Bis zum statistischen Einbruch im Zusammenhang mit den 68er Wirren hat die Zahl der Korporationen und die Zahl der Aktiven fast wieder den Stand von 1928 erreicht: 1928 waren es 1.173 Korporationen und 57.000 Aktive, 1965 waren es 1.024 Korporationen und 54.600 Aktive. Die Studentenzahl hatte sich derzeit allerdings schon fast verdreifacht: 1928 - 112.400,1964 - 308.400. Das 75. Stiftungsfest fiel dann in die Zeit des beginnenden Niedergangs der Studentenverbindungen. Für viele von ihnen brachten die 68er Jahre das Aus. Die Zahl der Korporationen wie der Aktiven hat abgenommen. Zudem hat sich die Schere zwischen Aktiven und „Wilden" durch die sprunghaft gestiegenen Immatrikulationen weit geöffnet. Und auch die ersten grundlegenden, gesetzlich normierten Reformen der Universität -gekennzeichnet durch das Hochschulrechtsrahmengesetz des Jahres 1976 - haben das ihre dazu beigetragen, korporierte Studenten zahlenmässig zu einer Minderheit in der Massenuniversität werden zu lassen. Wenn der katholische Studentenverein Markomannia dennoch beim 75. Stiftungsfest wie auch heuer beim l00sten eine überaus grosse Aktivitas aufweisen konnte und kann, so spricht dies für seine seit eh und je bestehende herausragende Position. Im übrigen aber haben alle Korporationen die grössten Schwierigkeiten gehabt, sich in der Umbruchsituation zu behaupten - einer Situation, die ähnlich bedeutsam wie die Humboldtsche Universitätsreform die Landschaft verändert hat: durch den Auf- und Ausbau der Fachhochschulen, die Integration von Gesamthochschulen, vor allem aber durch die Explosion der Studentenzahlen seit dem Öffnungsbeschluss der Kultusminister im Jahre 1977. Gleichheitsbetont wurde alles, was jenseits der höheren Schulen stand, zu Hochschulen und zu Universitäten hochstilisiert. Vor allem aber war die stark erhöhte Zahl der Studenten auch nicht mehr im Ansatz homogen. Sind in dieser Massenuniversität eine Vielzahl von Korporationen suspendiert worden, so haben sich andere, unter ihnen Markomannia, gefestigt und ein neues Profil gewonnen, in dem sie das Gute bewahrt und den zeitlichen Erfordernissen entsprechend fortentwickelt haben. Heute nun stehen wir erneut vor einer Umbruchsituation, gekennzeichnet durch die virtuelle Universität.
2. Die Hochschule 2001
Konnte man im Jahre 1901 noch von der Hochschule (Universität) als einer bekannten Grosse sprechen, so gibt es die Hochschule im Jahre 2001 nicht mehr. Ein Konglomerat von Ausbildungseinrichtungen wird unter den Begriff Hochschule oder Universität subsummiert, bei dem das einende Band in vielem vermisst wird. Und selbst wenn man die Hochschulen einer Mittelstadt nimmt, aus denen eine Verbindung ihren Nachwuchs rekrutiert, so findet man - anders als noch vor wenigen Jahrzehnten - nicht selten unter den Aktiven neben den Studenten der Universität auch die von Fachhochschulen usw. usw. Vernachlässigt man die unterschiedlichen Hochschulkategorien mit ihren verschiedenartigen Aufgabenstellungen, so bleibt diesen „real existierenden Universitäten" doch immer noch eines gemeinsam: der Hörsaal. Die persönliche Begegnung, der gemeinsame Besuch von Veranstaltungen und der wechselseitige individuelle Austausch wird jedoch mehr und mehr reduziert beim Weg in die virtuelle Hochschule. Dieser virtuelle Lernraum, in dem komplette Lehrveranstaltungen, medial aufbereiteter Lernstoff und Hinweise zum Studium verfügbar sind, wird zwar die Präsenz-Universität nicht voll verdrängen. Er gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig schwindet die Möglichkeit des Einzelnen, in personalem Kontakt zu wachsen. Zu Recht stellt Wilhelm Schreckenberg in seinem kleinerem Beitrag zur virtuellen Universität (AM 4/2000 S. 8f.) fest, dass die Fülle des Wissens keineswegs automatisch zu einer gebildeten Persönlichkeit führt: Je weiter die Entpersönlichung im universitären Bereich voranschreitet, um so bedeutsamer werden Orte, die „Universitas" in umfassendem Sinne vermitteln.
3. Der Platz der Korporationen in der Hochschule 2001
Hätte schon die Bedeutung der studentischen Korporationen in der Massenuniversität als Ausweg aus der Vereinsammlung in der Masse sprungartig zunehmen müssen, so schreit die virtuelle Universität geradezu nach einem Ausgleich. Schon vor dem Hintergrund der Massenuniversität kam den Verbindungen eine gewandelte und gewachsene Aufgabe zu. Sie können und müssen diese zum Wohl des Ganzen, aber auch des einzelnen Mitgliedes erfüllen. Vorderhand ist es ihre Aufgabe, vermeiden zu helfen, dass der Student durch den Ausbildungsbetrieb „aufgefressen" wird. Derjenige, der ein wenig Persönlichkeit werden will, bedarf mehr als der wissenschaftlichen Ausbildung an unseren „Hohen Schulen". Er bedarf des wenigstens zwischenzeitlichen Abstandnehmens vom Lernbetrieb, um sich gemeinsam mit Angehörigen anderer Fakultäten auf das zu besinnen, was Wissenschaft heissen sollte und das zu pflegen, was der Wissenschaft dient, den inter-fakultären Kontakt. Er sollte in gegenseitiger Anregung nach Grundlagen und Werten suchen. Die Verbindungen sind auch in der Hochschule 2001 aufgerufen, wenn auch nur für einen kleinen Teil der Studentenschaft, ein wenig von dem wieder herzustellen, was Universität einmal gewesen ist. Es gilt die Möglichkeiten zu nutzen, das Hochschulghetto aufzubrechen, in dem viele Studenten sich glauben, es gilt sie herauszuholen aus der Vereinsamung in der Masse. Probleme, die von drinnen her groß und drückend erscheinen, reduzieren sich oft durch einen Kontakt mit der Aussenwelt auf ihre wahre Bedeutung. Nur der Kontakt mit anderen - auch höheren Semestern und Alten Herren - lässt die eigene Gesamtsituation einigermassen realistisch einschätzen. Neben dieser Einbettung in eine Gemeinschaft ermöglichen die Verbindungen aber auch persönliche Emanzipation und Standortfindung weit eher, als dies in anderen Vereinigungen oder Zusammenschlüssen möglich ist. Schließlich gilt es einen „Fluchtweg" aus der derzeitigen Situation aufzuzeigen: Leistungsdruck, Höchstleistungsforderungen haben große Teile unserer Studentengeneration bereits jetzt degenerieren lassen. Sie haben sich selbst zurückentwickelt in eine Gesellschaft von Jägern und Sammlern, von Punktesammlern und Scheinjägern. Mit einem auf dieser Basis erreichten Examen ist aber im späteren Leben allenfalls Oberflächliches anzufangen. Lebenstauglichkeit bedeutet neben dem Erwerb handwerklicher Fähigkeiten auch die Entwicklung bestimmter Eigenschaften. Man spricht von Humankompetenz. Eine der wesentlichsten davon ist es, sich verantwortlich zu wissen für sein eigenes Tun, für den Anderen, für die Allgemeinheit. Gerade diese Möglichkeiten eröffnet eine Verbindung. Sie kann damit eine der von den Hochschulen selbst heute nicht mehr zu vermittelnde Qualifikation ersetzen. Diese Chance sollte jede einzelne Korporation nutzen. Eine neue Bewegung - die Gründung von Alumni-Vereinen und ihr Zulauf - zeigt das Bedürfnis nach Gemeinschaft neben der Massenuniversität besonders deutlich auf (siehe den Beitrag von Wolfgang Löhr in AM 6/7 2000 S. 9). Warum gelingt es den studentischen Korporationen nicht, sich ähnlich zu revitalisieren? Einer der Gründe liegt wohl darin, dass Verbindungen sich überaus schwer tun, ein überkommenes Image abzustreifen. Jedem von uns ist bekannt, dass es schwerer ist, etwas überkommenes Gutes zu bewahren und zeitentsprechend fortzuentwickeln, als etwas Neues in die Welt zu setzen und trendentsprechend zu propagieren. Vielleicht aber erreichen die Korporationen ja via Internet den auf diesem Wege auch mit ihnen vernetzten, ansonsten aber vereinsamten Studenten und vermögen ihm zu verdeutlichen, dass es neben der unpersönlichen Kommunikationsebene besonderer Kommunikationsformen bedarf!
IV. Vom Burschen zum Studi?
Der diesjährige bayerische Hochschultag in Tutzing hat vor allem die mangelnde Kommunikation und die mangelnde soziale Kompetenz in weiten Kreisen der Studentenschaft beklagt. Er hat die Begrenzung auf die Eigenschau des eigenen Fachs beklagt. Denkweisen anderer Disziplinen kennenzulernen, scheint überholt. Gerade in einer globalisierten Welt sollte aber doch eine Globalisierung auch der Kompetenzen nötiger denn je sein. Wo aber kann ich die Denkweisen anderer Disziplinen besser kennenlernen, als in einer die verschiedenen Bereiche auf engstem Raum verbindenden Korporation? Wo kann ich besser nicht nur mit dem das gleiche Fach studierenden Kommilitonen, sondern über die Fächergrenzen hinausgehend kommunizieren und - eine gar nicht zu überschätzende Möglichkeit - wo kann ich besser soziale Kompetenz erringen als in einer Korporation, in der die universitas in nuce versammelt ist. Wenn die Studentenbude den Hörsaal ersetzt (AM 4/2000 S. 20), sollte der gute Student, anders als dies noch der Abgeordnete Heinrich Simon am 1. Februar 1849 in der Frankfurter Paulskirche feststellte, sich nicht „lustvoll als ein geistiger Nomade" verhalten (dazu auch AM 4/2000 S. 19), er sollte auch nicht vom Wort allein leben, sondern in einem geistigen Klima aufwachsen, das ihm vielfältige Kompetenzen über seine fachliche Ausbildung hinaus vermittelt. Das Angebot anzunehmen, bleibt dem Einzelnen überlassen. Verbindungen können lediglich Hinweise geben, sich selbst zu engagieren, nicht als Studi zu degenerieren, sondern selbstbewusst seinen Platz in der Gesellschaft und nicht nur als Dienstleister einzunehmen. Jedem Einzelnen muss klar werden, dass nicht etwas zu geschehen hat, sondern dass er selber etwas tun muss, dass er sich zu engagieren hat, im gesellschaftlichen Bereich, im Bereich der Hochschule und/oder auch im Bereich einer Verbindung durch Übernahme von Verantwortung, etwa die Übernahme einer Charge. Als verlockender Anreiz sollte dem Einzelnen auch vermittelt werden: Wer etwas für die Gesellschaft oder für die Verbindung tut, der tut dies nicht nur altruistisch. Die Charge ist keineswegs allein als Dienst in amicitia für die anderen zu sehen. Sie stellt einen ganz wichtigen Faktor für die Persönlichkeitsentfaltung und damit für die eigene Bildung dar. Diese alte Burschentugend gilt es verstärkt zu betonen, auch und gerade in der Hochschule 2001. Je virtueller die Hochschule wird, um so mehr bedarf sie der Räume aktiver Kommunikation, um so mehr sollten Korporationen wieder an Bedeutung gewinnen!
Viriliter age! (Auszug aus der Festrede am 9. Februar 2001)
Dr. jur. Heinrich Hoffschulte Erster Vizepräsident des Deutschen RGRE (Rat der Gemeinden und Regionen Europas, Europäische Sektion der IULA)
Die Themen des Vertrages waren :
-
Der Ursprung des Namens „Markomannia" - ist das im Jahre 2001 noch zeitgemäß ??
-
Ein Katholischer Studentenverein - was heisst das heute ?
-
Angesichts der rapiden Globalisierung: Haben wir Christliche GRUNDWERTE ? (vgl. „zehn Thesen" in: Akademische
Monatsblätter 2/2001)
- Der Wahlspruch „Viriliter age" - was heißt das 100 Jahre danach für uns ?
Unser Wahlspruch sei: „Viriliter age!" - was heißt das für uns 100 Jahre danach ?
Der Wahlspruch „Viriliter age", den sich unsere Vorväter im Katholischen Studentenverein Markomannia 1901 gaben, hatte sicher damals einen stärkeren Klang als heute. Würden wir uns dieses Motto heute, an der Wende zum Neuen Jahrhundert, ebenso überzeugt geben? Oder hat das „Handle mannhaft" für manchen eher einen Macho-Beigeschmack, zumal in einer Zeit, in der rund die Hälfte aller Studierenden der Universität Münster - wie andernorts auch - weiblichen Geschlechts sind und wir uns immer noch im Verbindungsleben um die rechte Art bemühen, diese Kommilitoninnen in unsere Aktivitäten voll und ganz zu integrieren? Doch ich will hier nicht die Frage weiblicher Mitglieder der Markomannia diskutieren. Es geht um etwas anderes: Die scheinbar virile Formel entstand als Wahlspruch der Markomannia zu einer Zeit, als der ideologische Kampf um die Zukunft unseres Kontinents vor allem von Wandel geprägt war. Nach der Kleinstaaterei, wie sie 1648 der „Westfälische Friede" von Münster im Reich staatsrechtlich verfestigt hatte, ohne dass eine deutsche Nation entstanden wäre; nach dem Untergang des „Ersten" Reiches mit der Resignation der Habsburger; nach den Napoleonischen Kriegen des frühen 19. Jahrhunderts, der restaurativen „Heiligen Allianz" gegen das Gedankengut der Französischen Revolution und nach den eher kläglichen, „bürgerlichen" Revolutionen von 1848 hatte unter Preußischer Führung ein Teil des alten Reiches 1871, nur 30 Jahre vor der Gründung der Markomannia, eine deutsche „Einheit" wiedergefunden. Unsere Mutterverbindung, die Germania, hatte sich gerade erst 1865 diesen national-stolzen Namen gegeben und schenkte sich sozusagen selbst zum Geburtstag angesichts des starken Zulaufs junger Akademiker eine Tochter mit einem germanischen Stammesnamen. In diesem jungen Staat suchte man nach Bestätigung der nationalen Identität durch Rückgriff in die Geschichte. Da wollten im Angesicht des eher liberal-protestantischen Staatsgebildes auch katholische Studenten nicht abseits stehen. Der „Kulturkampf", in dem die Katholische Kirche im Rheinland wie in Westfalen preußischer Bevormundung, gelegentlich auch manifester Benachteiligung zugleich zu widerstehen suchte, prägte die politische Diskussion, nachdem Preußen gar katholische Bischöfe in den Kerker gesteckt hatte. Unsere Gründungs-Markomannen wollten da „ihren Mann stehen", mannhaft für das Vaterland aber gegebenenfalls auch mannhaft für den Glauben und die eigene Identität. Und das in einem Staat, der von Demokratie im heutigen Sinne, der Wahlberechtigung aller Bürger, noch weit entfernt war. Zum Umfeld dieses „viriliter age" gehörte auch die damals noch junge Soziallehre der Katholischen Kirche: Die erste Sozialenzyklika Leo's XIII von 1891, also gerade einmal zehn Jahre alt, als die Markomannia entstand, stellte dem in ganz Europa aufkommenden kommunistisch-sozialistischen Gedankengut eines Marx oder Engels, nach dem der Wert der Gesellschaft und ihre Entwicklung wichtiger sein sollten als der einzelne Mensch und Bürger, das christliche Menschenbild entgegen, nach dem das Individuum als „Gottes Ebenbild" in seiner Würde unantastbar und deshalb höher als alle noch so wichtigen Belange des Staates oder der Gesamtgesellschaft einzuordnen ist. Auch da galt es aufkommendem Totalitarismus jedweder Couleur „mannhaft" entgegenzutreten: „Viriliter age" als Programm .... Was heißt das heute für uns in Gesellschaft, Universität und Staat, an der Wende des Jahrhunderts? Kämpfen wir sozusagen noch an derselben Front? Kommunismus und Sozialismus sind gescheitert. Deutschland ist, in veränderten Grenzen, wieder vereint. Da ist schon eher europäische Kleinstaaterei die Herausforderung unserer Zeit, zu neuer Einheit in einer dynamisch sich erweiternden Europäischen Union. Und statt „Kulturkampf" geht es wohl eher um die Suche nach einem europäischen Wertekonsens statt Neoliberalismus und Gleichgültigkeit.... Manch einer mag sich da auch in unserer Runde fragen, was er denn an seinem Platz, in einer Massenuniversität mit fast 45.000 Studenten wie hier in Münster, im Staat mit seiner nicht immer zum Mitmachen einladenden Politik oder schlechthin in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft ausrichten kann, auch wenn er sich „mannhaft" und tapfer bemüht. Und das auch noch in einem in Deutschland nicht immer gerade zuversichtlichen oder gar optimistischen Umfeld! Der niederländische Philosoph Peter Sloterdijk hat kürzlich in einem Dialog mit dem amerikanischen Genunternehmer J. Craig Venter angemerkt: „Was das Vermögen zur Zuversicht angeht, besteht ein deutlicher Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen Mentalität.... Wir Europäer leben mehr oder weniger in einer Kultur des Zweifels und der Skepsis. Und wenn Menschen mit solchen Prägungen Menschen begegnen, die wie Sie (der Amerikaner Venter) zu einer Kultur der Zuversicht und eines ungebrochenen Unternehmergeistes gehören, bemerken wir schnell, dass wir nicht dieselbe Sprache sprechen...." Nun bin ich weit entfernt davon, diese generalisierende Feststellung einfach nur als Fakt hinzunehmen, der nicht zu ändern wäre. Aber vielleicht beginnt ja eben an dieser Stelle das moderne „viriliter age"?!? Nehmen wir das Feld der Politik, über das viele von uns sich zu klagen bequemen, ohne sich selbst zu engagieren: Ich habe hier in unserer Markomannia vor einigen Jahren in einem Vortrag zu Fragen des Wertekonsenses den damaligen Bundeskanzler H. Schmidt zitiert, der, als ihm Interessenverbände wie auch Kirchenvertreter mangelhafte Durchsetzung der Grundwerte unserer Verfassung vorwarfen, etwas ausweichend und eher resignativ geantwortet und den „Schwarzen Peter" gleichsam zurückgegeben hat: „Politik kann nur leisten, was die gesellschaftlichen Kräfte zuvor mehrheitsfähig gemacht haben." Mit anderen Worten: Wenn wir als Teil der Gesellschaft nicht dafür Sorge tragen, dass unsere Wertvorstellungen, unser Leitbild und unsere Ziele mehrheitsfähig sind oder doch werden, dann könne er als Kanzler auch nichts ausrichten. In krassem Gegensatz dazu hat unser Diözesanbischof Reinhard Lettmann vor wenigen Tagen in einer Kritik an Bundeskanzler Schröder genau anders herum appelliert: „Die Regierenden dürfen nicht (nur) Notare des Wertebewusstseins der Bevölkerung sein, sondern müssen dieses bilden und fördern..." Sieht man den demokratischen Alltag mit seinen Stimmungen und Schwankungen, so haben wohl beide recht: Wir können nicht beiseite stehen, wenn wichtige Themen in unserem Staat zu entscheiden sind; wir müssen überzeugen, mitten im Volk, in Vereinigungen und gesellschaftlichen Kräften wie auch in den Parteien. Aber wir können auch von denen, die wir wählen, erwarten, dass sie nicht nur auf Stimmungen reagieren, sondern aus ihren und unseren Überzeugungen heraus „Meinung bilden". Auch das ist wohl heute „viriliter age!"
Es heißt oft: „Jedes Volk - zumal in einer Demokratie - hat die Regierung, die es verdient!" Das klingt wie eine Umformulierung der Schmidt'schen Resignation. Aber wie wäre es, wenn wir auch das als Provokation, als Herausforderung annehmen?! Wir müssen mitreden, mitgestalten, nicht abseits stehen oder im Fernsehsessel hängen und nur am Stammtisch maulen! Politik ist oft unerfreulich, zumal wenn Regierende offenbar nur ihr Fähnchen in den Wind der Stimmungen halten, wie dies derzeit nicht selten der Fall zu sein scheint. Aber das soll keine einseitige Parteienschelte sein, zumal der Schaulauf in den Medien bis hin zu stumpfem, populistischem Aktionismus in faden TV-Containern leider weit über die Grenzen einer Partei hinausgeht. Und seien wir ehrlich: Unsere Enttäuschung war besonders groß, als jemand wie unser Altkanzler Helmut Kohl, der in der Politik geradezu zum Symbol der Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit geworden war, sich nach allen historischen (!) Verdiensten über Gesetz und Recht zu stellen schien.
In einer so veränderten politischen Landschaft ist es sicher nicht leicht, unserem Wahlspruch „Viriliter age!" zu folgen. Ein Kommentator meinte kürzlich zu all der modischen Aufgeregtheit: „Manche Politik ist wie Wasserdampf: Heiß betrieben, steigt sie auf. Dann kühlt sie ab, verschwindet. Es bilden sich Tröpfchen, und irgendwer wird nass." Soll wohl auch heißen: Es ist nicht immer leicht, in einer von der Gier nach „heißem Dampf" und vermeintlich wichtigen Skandalen und Skandälchen, seinen Mann zu stehen, wenn man leicht und schnell „nass gemacht" wird. „Semper aliquid haeret", sagt der Lateiner. Und dennoch gilt „Viriliter age!"
Wie stand es mit den Universitäten? Sie war klein, die alma mater im Münster des Jahres 1901. Zu meiner aktiven Zeit wurde die Grenze von 10.000 Studenten schon deutlich überschritten, heute sind es rund 45.000 Immatrikulierte. Setzen wir klare Zeichen im Sinne unserer Ziele auch in dieser unübersichtlich und anonym gewordenen akademischen Gesellschaft? Es besteht kein Anlass zu Skepsis und Resignation, es sei denn wir gäben uns selbst und unsere Ziele auf. Gerade die letzten zehn bis zwanzig Jahre belegen die Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen! Ist es nicht erstaunlich zu sehen, wie immer wieder einzelne Persönlichkeiten - im Bösen wie im Guten - nachhaltig den Lauf der Geschichte und unsere Gesellschaft, unser Land und unsere Welt verändert haben?! Wieviel hat sich doch in den vergangenen 20 Jahren durch einzelne Persönlichkeiten verändert!? Wir sollten uns gerade auch in Deutschland dankbar daran erinnern, dass zunächst einige wenige polnische Arbeiter vor den Toren der damaligen Lenin - Werft in Danzig - der Stadt, die Hitler zum Anlass für den Zweiten Weltkrieg nahm, tapfer „ihren Mann gestanden" haben, um friedlich Widerstand zu leisten gegen das grausame, unbesiegbar scheinende sowjetische System.
Und zwölf Jahre „solidarnosz", zähen und solidarischen Protestes katholischer Polen gegen den Sozialismus und seine Gewaltherrschaft, sind kaum vorstellbar ohne die unbeugsame Persönlichkeit des „polnischen" Papstes Johannes Paul II, den wir in Deutschland anscheinend nur noch mit der Diskussion um Fragen der Empfängnisverhütung und der Sexualmoral wahrnehmen. Wie kein anderer hat er zum Scheitern des sowjetischen Kommunismus beigetragen - ohne Waffen und ohne Gewalt, allein mit den „Waffen" des Geistes und des Glaubens gegen eine Weltmacht, die alle freien Nationen bedrohte - ein später Sieg auch der zitierten Soziallehre und des ihr zugrunde liegenden Menschenbildes 100 Jahre nach der Enzyklika von 1891...
Und der Beispiele mehr: Unser Vaterland wie auch die Einheit Deutschlands und der Frieden Europas sind nachhaltig beeinflusst worden dadurch, dass „der richtige Mann zur rechten Zeit und am rechten Ort" als Kanzler die Chancen ergriff, die sich mit dem Wandel der Sowjetunion boten, dass dort ein Gorbatschow den Mut hatte, Glasnost und Perestroika in friedlichen Wechsel für sein Land und für Europa umzusetzen und dass in Washington und in der Brüsseler Kommission starke Partner und Persönlichkeiten unsere Wiedervereinigung absicherten, während in anderen Hauptstädten Skepsis und Angst überwogen, die Deutschland in zwei Weltkriegen genährt hatte...
Gibt all das nicht schon genug Anlass zu Zuversicht und Optimismus? Der französische Jesuit und Paläontologe Teilhard de Chardin (1881 - 1955) hat in seiner Theologie die naturwissenschaftlich-evolutionistische Weltdeutung entwickelt, dass sich der Mensch und die Welt immer mehr „auf Christus hin", zum Guten wenden und entwickeln. Aus der Kraft des Individuums und einem immer stärkeren Einfluss unseres christlichen Menschenbildes heraus entstehe eine tendenziell immer bessere Welt. Daran mag mancher zweifeln und das mit gutem Recht angesichts der Kriege und Nöte, die immer noch die Welt beherrschen. Aber andererseits waren die Chancen für eine gute Entwicklung noch nie so groß wie in der heutigen Zeit, in der die Techniken der Kommunikation weltweit ein Durchdringen mit unseren Wertvorstellungen ermöglichen, eine neue Herausforderung, der sich jeder von uns zu stellen hat. Nicht „die da oben" - sondern wir selbst, jeder an seinem Platz, wir sind gefordert, uns einzubringen, unsere Chancen zu nutzen, Verantwortung auch dort zu übernehmen, wo scheinbar anonym und ungreifbar „global players", globalisierte Kräfte walten. Jeder von uns ist „global player" - wenn er es denn will und jeder nach seinen Kräften! Mancher mag fragen: Wo ist da unser „Ort"? Was soll unser Beitrag sein ? Katholisch, das heißt weltweit oder auch weltoffen, die ganze Welt betreffend. Wenn aber dieser Ehrentitel im Namen unserer Verbindung steht, dann muss es uns provozieren, unseren Beitrag zu leisten, jeder an seinem Platz
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in unserem persönlichen Umfeld,
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in der Familie und im Freundeskreis,
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in unserem KStV Markomannia,
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in unserer Stadt (Monasteria),
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in unserem Vater- und Mutterland (Germania),
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in einem in Frieden geeinten und von Grenzen befreiten Europa,
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in einer globalisierten, also unserem Engagement offen stehenden Welt.
Die Markomannia und wir Markomannen werden uns auch im 2. Jahrhundert unserer Korporation daran messen lassen (müssen), ob das „Katholische" in unserem Verbindungsnamen, ob die mit „religio, scientia et amicitia" umschriebenen Wertvorstellungen der Markomannia uns und unser Handeln in der Gesellschaft stark genug machen und prägen! Dann erst gilt und „lebt mit alter Treue" unser Wahlspruch: Viriliter age !
Christentum, Wertekonsens und Europäische Identität: Unsere Herausforderung für das neue Jahrtausend
Festansprache zum Auftakt des 100. Stiftungsfestes des KStV Markomannia am 10. Februar 2001 im Zwei-Löwen-Club in Münster (Auszug) Prof. Dr. Günter Rinsche Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung
Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren! Wir sind Europäer. Wir leben in Europa. Aber: Was ist Europa? ... Europa ist mehr als eine blosse Quantität. Europa ist mehr als ein geographischer Begriff. Europa ist mehr als eine 2.500-jährige leidvolle und glanzvolle Geschichte. Die Idee Europa - das ist die Philosophie der Griechen und der unbesiegbare Gedanke der Freiheit, das ist das Rechtssystem der Römer und der unverzichtbare Gedanke der Ordnung, das ist die Ethik des Christentums und der übergeordnete Gedanke der Menschenwürde.
Diese Werte haben einen inneren und notwendigen Zusammenhang, denn Freiheit ohne Ordnung wird leicht zur Ordnung ohne Freiheit. Freiheit und Ordnung erfordern die Beachtung der Menschenwürde und die Verwirklichung der Menschenrechte. Unter den Aspekten dieser Grundidee Europas ist die Europäische Union ein großartiger Versuch, Völker, die sich jahrhundertelang bekämpft und zerfleischt haben, auf der Grundlage gleicher Rechte und in freier Entscheidung zu einem neuen Ganzen zusammenzuschließen, um dadurch Frieden, Freiheit und Lebenschancen für alle Beteiligten dauerhaft zu sichern.
Heute kommt es darauf an, eine neue und stabile Ordnung für ganz Europa zu schaffen, eine Ordnung der Freiheit und Menschenwürde, eine Ordnung, die es uns und unseren Kindern und Kindeskindern ermöglicht, in Frieden, Freiheit und Sicherheit zu leben, eine Ordnung ohne Rassenhass, Klassenkampf und Generationenkonflikt, eine Ordnung mit garantiertem Minderheitenschutz und Volksgruppenrechten, eine Ordnung, die Lebenschancen sichert und erweitert, eine Ordnung, die uns Europäer in die Lage versetzt, unserer weltweiten Verantwortung gerecht zu werden, eine Ordnung, die den Grundsatz der Solidarität auch auf die kommenden Generationen bezieht, in ökologischer, finanzieller und ökonomischer Hinsicht, vor allem aber im Hinblick auf ein Bewusstsein gemeinsamer und verpflichtender Werte.
Einheit nicht Einförmigkeit
„Einheit und Einförmigkeit sind zweierlei Dinge" schrieb Francis Bacon (1561 - 1626). Diese Überlegung des großen englischen Staatsdenkers bestimmt viele Aussagen europäischer Dichter und Denker über das Wesen und die Idee Europas. Schon Strabon (63 v. Chr. - 26 n. Chr.), der griechische Geograph, beschrieb Europa als „vielgestaltet".
Die Idee „Europa" als Sehnsucht nach Einheit, Harmonie und Frieden umfasst die Vielfalt, Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit Europas. Europa, das ist eine faszinierende Fülle nationaler, regionaler und lokaler Kulturen, Traditionen und Besonderheiten, die erst zusammen den unvergleichlichen Reichtum europäischer Kultur ausmachen.
Bauelemente der neuen europäischen Ordnung
Aus den Wesenselementen der Idee und Kultur Europas ergeben sich vier Bauelemente und Erfolgsvoraussetzungen der europäischen Ordnung:
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die Rechtsstaatlichkeit, als Grundlage der Humanität und zur Sicherung der Menschenrechte,
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die parlamentarische Demokratie, d.h. Legalität und Partizipation,
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der föderalistische Staatsaufbau, d.h. Subsidiarität und Aufbau von unten nach oben,
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die Soziale Marktwirtschaft, d.h. Solidarität und Effizienz.
Diese Ordnungsprinzipien sind notwendige, aber nicht hinreichende Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben der Europäer im 21. Jahrhundert. In unsere Betrachtung einzubeziehen sind ebenfalls die spezifischen Erfordernisse und Begründungen der Integration. Das lateinische Wort integratio hat den Sinn der „Wiederherstellung eines Ganzen". Im sozialwissenschaftlichen Sprachgebrauch ist Integration der Gegenbegriff zu Zerfall und Stagnation. Die Integration als Erneuerung und Wiederherstellung eines Ganzen wird notwendig, wenn die Teile des Ganzen ohne Integration nicht mehr oder nicht sinnvoll existieren können. Die Sachlogik der europäischen Integration ist auf diese Notwendigkeit zurückzuführen. Für die Lösung zahlreicher Probleme in Europa sind Nationalstaat und nationale Volkswirtschaft nicht mehr der ausreichende und optimale Handlungsraum.
Beispielhaft können hier genannt werden:
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Probleme, deren Größenordnung nationale Möglichkeiten und Ressourcen überfordern,
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Probleme, die ihrer Natur nach grenzüberschreitend sind,
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Probleme, bei denen die Gemeinsamkeit der Interessen mehrerer Staaten auch gemeinschaftliche Problemlösungen
sinnvoll und erforderlich macht.
Die sachliche Folgerichtigkeit der europäischen Einigung steht neben der historischen Logik, die sich aus dem Ablauf und den Lehren der Geschichte ergibt. In seiner „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht und zum Ewigen Frieden" (1784) hatte Immanuel Kant einen Friedensbund (foedus pacificum) gefordert, der sich vom bloßen Friedensvertrag (pactum pacis) darin unterscheidet, „dass dieser bloß einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen sucht". Die historische Logik der europäischen Integration, die in den Überlegungen des großen Philosophen zum Ausdruck kommt, wird auch sichtbar in der Entwicklung, die von mehr oder weniger autonomen Städten und Grafschaften des Mittelalters über den Territorialstaat zum Nationalstaat des 19. Jahrhunderts und zur Europäischen Union des 21. Jahrhunderts führt.
Die Bauelemente und diese Erfordernisse der Europäischen Union werden von der großen Mehrheit der Europäer bejaht und anerkannt. Sind damit aber unsere existentiellen Fragen beantwortet: Was verstehen wir unter menschenwürdigem Leben, das wir für uns und für unsere Kinder und Kindeskinder erstreben? Der Zusatz „Kinder und Kindeskinder" ist bedeutsam. Dieser Satzteil beschreibt unsere Verantwortung auch und gerade für die kommenden Generationen. Vor der Französischen Revolution 1789 hieß es bei den damals Herrschenden im sog. Ancien Regime: „Apres nous le deluge!" („Nach uns die Sintflut"). Eine solche Eintagsfliegenmentalität darf nicht die Leitlinie unseres Handelns sein, wir tragen Verantwortung für heute und für morgen.
Deshalb heißt unser Thema: „Unsere Herausforderung für das neue Jahrtausend". Christentum und Wertekonsens auch im Europa von morgen?
Mehr als 1.000 Jahre sprach man vom christlichen Abendland. Gilt dieser Begriff auch für das 3. Jahrtausend nach Christi Geburt? Nach Angaben der Zeitschrift „Time" vom 29. Januar 2001 gab es vor 100 Jahren rd. 3 Millionen Menschen, die sich als Atheisten bezeichneten. Heute bezeichnen sich 768 Millionen Menschen als Atheisten mit stark ansteigender Tendenz vor allem in Europa. In seinem im Jahre 2000 in 2. Auflage erschienenen Buch „Welt ohne Christentum - was wäre anders?" beschreibt Prof. Dr. Hans Maier die Situation in Deutschland mit folgenden Worten: Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 1996 bezeichnen sich 8 % der Deutschen von 16 Jahren an als überzeugte Atheisten (in den neuen Bundesländern 20 %). 33% bezeichnen sich als „nicht religiös"(50 % in den neuen Bundesländern). Die Tradierungskrise des Glaubens drückt sich besonders scharf im Verhältnis von Eltern und Kindern aus. Hier ist in Deutschland im Ländervergleich die Übereinstimmung der Jugendlichen mit den Eltern am geringsten. Konsens in der Einstellung zur Religion äusserten 39% der Jugendlichen der Bundesrepublik gegenüber 69% der Jugendlichen in den USA, bei der Einstellung zur Sexualität sinkt diese Zahl auf 14% bei den Jugendlichen in der Bundesrepublik gegenüber 43% bei den Jugendlichen in den USA, in der Einstellung zur Moral insgesamt stimmten 77% der Jugendlichen in den USA mit den Eltern überein gegenüber 38% der Jugendlichen in der Bundesrepublik. In der Bundesrepublik Deutschland streben die Generationen wesentlich stärker auseinander als in anderen Ländern. Sie treffen sich nicht mehr in zentralen Wertvorstellungen."
Diese Gegebenheiten sind in Deutschland mehr oder weniger bekannt. Über die langfristigen Folgen dieser Entwicklung machen wir uns aber kaum Gedanken. „Wenn du nicht über deine Zukunft nachdenkst, wirst du keine haben" schrieb John Galsworth. Unsere Zukunft wird nicht nur von den wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen bestimmt, sondern wesentlich auch von den geistigen Wirkkräften, der Anerkennung oder Leugnung verpflichtender Werte, den religiösen Überzeugungen und einer sinnstiftenden Identität.
Der französische Philosoph Voltaire, der als Kirchenhasser galt, schrieb vor 250 Jahren: „Wo war jemals ein großes Volk ohne Religion? Dafür gibt es kein Beispiel!" Und an anderer Stelle urteilt dieser kritische Denker: „Wenn auch der Atheismus nicht so unheilvoll wie der Fanatismus ist, so ist er doch fast immer und überall verhängnisvoll für die Sitten."
Der große deutsche Philosoph Immanuel Kant stellt fest: „Der Begriff von Gott ist der Begriff von einem verpflichtenden Wesen außer mir." Kant schreibt: „Der Geist Gottes ist das, was den moralischen Gesetzen bewegende Kraft gibt, also ein inneres moralisches Leben, das gar nicht nach Naturgesetzen möglich ist. Alles moralisch Gute in uns ist Wirkung des Geistes Gottes." In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach den geistigen Fundamenten Europas, nach den tragenden Ideen und Prinzipien der christlich geprägten Kultur. Ein klares Herkunftsbewusstsein ist eine Voraussetzung der Zukunftsorientierung. Keine Zukunft ohne Herkunft! Der Dreiklang von Freiheit, Ordnung, Menschenwürde ist prägend und zukunftsweisend.
Die geistigen Fundamente Europas
Für die griechischen Denker und Dichter des 5. und 4. Jahrhunderts vor Christi enthielt der Gedanke der Freiheit auch die Möglichkeit einer Beteiligung der Bürger am öffentlichen Leben. Die Griechen wollten „nach den Gesetzen" leben, nicht unter der Willkür eines Despoten. Unter diesen Aspekten erkannten und beschrieben sie die Gefahr, dass ein in Kleinstaaten zersplittertes Griechenland zur Beute asiatischer Despoten würde. Philosophen wie Gorgias (483 - 380 v. Cr.) und Platon (427 - 347 v. Chr.) stellten die „Eintracht" als Ideal für die griechisch-europäische Welt heraus. Sokrates wendet sich gegen die anarchistische Entartung der Grundsätze der Freiheit und Gleichheit, die durch Übertreibung ad absurdum geführt würden. Er kritisiert jene Zeitgenossen, „welche die Bürger in der Art erzogen, dass sie Zügellosigkeit für Volksherrschaft, Gesetzwidrigkeit für Freiheit, Ungebundenheit für Gesetzesgleichheit und die Befugnis, so zu handeln, für Glückseligkeit hielten".
Für die Römer gilt das Wort des Staatsdenkers Niccolo Machiavelli, nach dem das Heil eines Staates nicht nur davon abhängig ist, dass ein Staatslenker weise regiert, sondern vor allem davon, dass dieser dem Staat Einrichtungen gibt, die fortlaufend Stabilität und Sicherheit garantieren. Julius Caesar und seine Nachfolger übertrugen die einheitliche römische Rechtsordnung auf das gesamte Imperium Romanum und legten damit den Grundstein für die europäische Rechtsstaatlichkeit. Waren Freiheit und Frieden die Schlüsselworte der Griechen in ihrem Beitrag zur Idee Europa, so weist der große römische Dichter Vergil (70 - 19 v. Chr.) den Römern die Aufgabe zu, „der Welt Ordnung zu geben und Frieden". Bei aller Anerkennung der römischen Rechtsordnung darf aber nicht übersehen werden, dass die Integration des römischen Reiches auf der brutalen Dominanz und Hegemonie eines Volkes über andere Völker beruhte und damit menschenfeindlicher Natur war. Das Machtmonopol und die Kommandowirtschaft der römischen Imperatoren zerstörten Rechtsordnung und Menschenrechte. Wenn das Bewusstsein der Freiheit ein Resultat der griechischen Philosophie und die Wertschätzung der Ordnung ein Element des römischen Rechts ist, dann findet die Auffassung von der Würde jedes Menschen ihre Begründung in der christlichen Ethik und Tradition. Nach christlicher Lehre ist der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen (Gen 1,27; 4,24). Hieraus erwächst ein Eigenwert, dessen metaphysische Dimension über seine Natur- und Gemeinschaftsverbundenheit hinausreicht.
Als die christliche Glaubenslehre in der ausgehenden Antike Staatsreligion wurde, blieb die gesellschaftliche Ungleichheit zunächst unangetastet. Die jahrhundertealte Institution der Sklaverei und die intolerante Verfolgung der sog. Ungläubigen konnten nicht kurzfristig beseitigt und überwunden werden. Die christlichen Denker der Antike und des Mittelalters lehrten zwar die prinzipielle Gleichheit und Freiheit des Menschen vor Gott, sie begründeten die unabdingbare Menschenwürde auch damit, dass alle Menschen ohne Unterschied aufgerufen sind, Kinder Gottes zu werden und an der Erlösung durch Christus teilzunehmen, aber sie unterschieden die „zwei Reiche", das des Guten und das des Schlechten. Da der Mensch sich durch den Sündenfall von Gott entfernt habe, könnten die aus der Gotteskindschaft abzuleitenden Menschenrechte noch nicht im irdischen Reich menschlicher Unvollkommenheit, sondern erst im Gottesstaat verwirklicht werden. Die christliche Hervorhebung der Menschenwürde war in dieser Denktradition also zunächst nur revolutionär im geistigethischen Bereich, nicht aber in der politisch-rechtlichen Sphäre.
Im 13. Jahrhundert beschwört der Verfasser des Sachsenspiegels, Eike von Repgow (1180 - 1233), den Gedanken der Schöpfungs- und Erlösungsgleichheit und wendet sich gegen die theologische Begründung der Leibeigenschaft. Der Sachsenspiegel, entstanden um 1224, ist die erste Niederschrift von Rechtssätzen in deutscher Sprache. Sein Verfasser leitet das Recht von Gott her und verkündet die Gleichheit aller Menschen vor dem Recht.
Nikolaus von Kues (1401 - 1464), „ein Deutscher, der früh Europäer wurde" (so Karl Jaspers), verwendet die christliche Lehre von der natürlichen Gleichheit der Menschen zur Begründung einer politischen Teilhabe. „Da alle Menschen von Natur aus frei und gleich mächtig sind, entspringt jede Autorität, betont Nikolaus, ausschließlich der Übereinstimmung und der Zustimmung aller Subjekte."
Die Gedanken christlicher Theologen und Philosophen des Abendlandes werden in der politischen Philosophie der Neuzeit, vor allem im Zeitalter der Aufklärung, aufgegriffen und zu einer Naturrechts- und Menschenrechtslehre ausgebaut. Staatsdenker wie Grotius, Pufendorf, John Locke, Montesquieu u.a. bereiten den Boden für die Menschenrechtsgarantien, die mit den historischen Begriffen der „Habeas Corpus Akte" (1679), der „Virginia Bill of Rights" (1776), der französischen „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" (1789) bis zur „Europäischen Menschenrechtskonvention" (1950) verbunden sind. Der Gedanke der Menschenwürde und die Garantie der Menschenrechte sind Wesenselemente der Idee Europa.
Herausforderung und Aufgaben
In seinem bereits zitierten Buch stellt Hans Maier die Fragen: Wie sähe unsere Gesellschaft, unsere Kultur denn aus - ohne Christentum? Was wäre anders in unserem Bild vom Menschen, in unserer Auffassung vom Recht in der Politik, in unserer Einschätzung der Arbeit, in unserem Verhältnis zur Natur, in unserer Art, Wirklichkeit zu deuten und zu gestalten? Hans Maier schildert und beweist den massgeblichen Einfluss des Christentums auf diese Gegebenheiten und Gestaltungen des Lebens in Europa. Dieser Einfluss des Christentums wird auch sichtbar, wenn man die europäische Kultur mit der Geschichte und Gegenwart anderer Hochkulturen vergleicht.
Hans Maier stellt aber auch die Frage: „Wäre es möglich, dass das Christentum in absehbarer Zeit einfach verschwände? Kann man sich vorstellen, dass die europäischen Dome und Kirchen eines Tages abgebrochen würden und christliche Kunst nur noch in Museen zu finden ist?" Eine wichtige Antwort gibt er mit folgenden Worten: „Zivilisationen sind sterblich. Nichts läßt sich auf die Dauer schützen und bewahren, wenn Geist und Leben schwächer werden und absterben. Lebendig bleibt nur, was bei Menschen Wurzeln geschlagen hat." Hier beginnt unsere Herausforderung für das 3. Jahrtausend. Dies ist nicht nur eine Frage des intellektuellen Überlegens, dies ist eine Frage des kulturellen Überlebens und dies ist die zentrale Aufgabe der europäischen Politik. Die europäische Einigung in Freiheit und Frieden ist weit mehr als ein gemeinsamer Markt, eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Technologiepolitik.
Die europäische Einigung - das ist die Verständigung über gemeinsame Werte und ein alle verpflichtendes Ethos. Die europäische Politik hat dann die übergeordnete Aufgabe, die politischen Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben heute und für morgen zu schaffen und zu sichern. Dies wird aber nur dann möglich sein, wenn es uns gelingt, die im Christentum verankerten Werte bewusst zu machen, einen für alle verbindlichen Werte-Konsens zu erreichen und die Einsicht in diese Lebensnotwendigkeit zu vermitteln. ..
Unsere Existenzfrage läutet daher: Wie können Verantwortungsbewusstsein, Ethos und Moral in der Gesellschaft so gestärkt werden, dass diese Grundvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben in der Gemeinschaft von Mitmenschen wiederhergestellt und stabilisiert werden? Wir brauchen eine Renaissance christlich geprägter Werte und eine neue Aufklärung. ... Damals, vor 250 Jahren, in der ersten europäischen Aufklärung, ging es um Naturrecht, Menschenrechte, Vernunft und die vitalen Interessen der Staatsbürger. Heute geht es um Recht und Pflichten, Freiheit und Verantwortung, Eigeninteresse und Solidarität, Selbstbestimmung und ethische Verpflichtung. Die Aufgaben einer Wiedererweckung verpflichtender Werte und einer neuen moralischen Aufklärung sind lösbar. Die europäische Geschichte kennt mehrere Beispiele für erfolgreich beantwortete Herausforderungen. Die ... europäische Integration durch christlich-demokratische Staatsmänner wie Robert Schuman, Aleide de Gasperi und Konrad Adenauer (ist) hier zu nennen. Diese Gründerväter des neuen Europas waren überzeugte Christen, für die Ethos, Moral und Religion, auch im Sinne einer Bindung an höhere und verpflichtende Werte, kein überflüssiger Luxus waren, sondern existentielle Erfordernisse für ein menschenwürdiges Leben in Frieden und Freiheit.
Chronik im Überblick
Mitte des 19. Jh. wurden in Deutschland die ersten katholischen Studentenverbindungen gegründet. Georg Frhr. von Hertling, der spätere bayerische Ministerpräsident und Reichskanzler stellte erstmals auf der 15. Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands, dem späteren Katholikentag, im Jahre 1863, diese Vereine einer breiten Öffentlichkeit vor.
1865 erfolgte dann die Gründung des KV. KVer sein zur damaligen Zeit und sich damit zur kath. Kirche zu bekennen, hieß, Mut zu zeigen. Es bedeutete, sich vor der Mehrheit der damals nichtkatholischen, feindlich gesonnenen Studenten zu behaupten, persönliche und berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Flagge zu zeigen war damals, ist auch heute wieder gefragt! In diese Zeit fällt auch die Gründung des kath. Studentenvereines Germania in Münster. Bedingt durch den Aufschwung der Korporationen um die Jahrhundertwende erreichte die Germania bis zum Jahre 1901 eine Aktivenzahl von weit mehr als 100. Durch Konventsbeschluss erfolgte die Teilung der Germania - Cimbria und Markomannia entstanden. Am 14. Februar des Jahres 1901 fand der Gründungskonvent der Markomannia im Hotel Moormann statt. Auf Antrag Augustin Fürstenbergs wurde der Wahlspruch „viriliter age" („handle mannhaft") beschlossen. Wappen und Bundeslied wurden genehmigt. Aus verschiedenen Vorschlägen wurden die Farben schwarz - gold - rot als Vereinsfarben ausgewählt. Vikar Heinrich Hemme wurde der erste Vorsitzende des Altherrenvereines. Da man die Gelder bei der Kirche gut aufgehoben glaubte, übte er zugleich das Amt des Kassierers aus.
Nachdem der junge Verein seine Veranstaltungen in wechselnden Lokalitäten, zunächst Hotel Moormann (später Fürstenhof), Alte Börse, Prinzipalmarkt (Geschäftsstelle des Münsterischen Anzeigers, heute der Westf. Nachrichten), Kaffeehaus Steiner (Schucan) und Bullenkopp durchführte, besaß er als erster münsteraner Studentenverein ab 1908 eine eigene Etage an der Norbertstraße. Am 13. September 1910 wurde das Grundstück Kampstraße 10 für 31.500 Mark erworben, am 5.11.1911 das Markomannenhaus feierlich eingeweiht. Als Wahlspruch, den auch heute noch jeder Besucher im Grundstein eingemeißelt sieht, wurde „sto meis" gewählt.
Eindrucksvoll für jeden Leser ist der Zusammenhalt der Korporation in den schweren Zeiten des ersten Weltkriegs. Hunderte von Feldpostbriefen künden von Leid, Elend und Not, aber auch von dem Zusammenhalt einer Gemeinschaft, die sich in extremen äußeren Umständen ihrer Zusammengehörigkeit und Freundschaft verpflichtet fühlt.
Die härteste Belastungsprobe stellte ohne Zweifel die NS-Zeit dar. Den Vorgaben des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes folgend wurde zunächst ein Zusammenschluss mit dem KDStV Tuiskonia vollzogen, später wurde der Verein aufgelöst. Nur der besonnenen Handlungsweise des damaligen Hausvereinsvorstandes ist es zu verdanken, dass das Markomannenhaus nicht enteignet wurde, sondern der Korporation nach dem Kriege wieder zur Verfügung stand.
1950 fusionierte der AHV Markomannia-Tuiskonia mit der ursprünglich in Göttingen gegründeten Monasteria zur Markomannia-Tuiskonia-Monasteria. Aus diesem Bund löste sich die Markomannia am 9. Februar 1952 und besiegelte die Wiedergründung. Das Markomannenhaus wurde nach den Plänen des weit über Münster hinaus bekannten Dombaumeisters Bb Eberhard Kleffner wieder aufgebaut. Unter Leitung des damaligen Philisterseniors und zugleich Vorsitzenden des Hausvereines Landeshauptmann Dr. Bernhard Salzmann sowie des Wiedergründungsseniors Viktor Egen gelang es in kurzer Zeit, die Korporation mit neuem Leben zu erfüllen. Ein steiler Aufstieg schloss sich an, der mit der Wahl zum Vorstand des Aktivenbundes des KV im Jahre 1955 offenkundig wurde. Auch die Vergabe der Vertreterversammlung des KV nach Münster sowie die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an den katholischen Nuntius Kardinal Muench war Ausdruck wiedergewonnener Bedeutung. Schließlich spiegelte sich der Aufschwung auch in nackten Zahlen wider: 91 Aktive zählte der Verein im Jahre 1959.
Die zweite Hälfte der sechziger Jahre brachte große Umwälzungen an den Universitäten mit sich. In der Aktivitas wurde in aller Entschiedenheit die Auseinandersetzung mit der Problematik der Zeit aufgenommen. Arbeitskreise wurden gegründet. Unter der Parole „Tradition ist überlebt, überholt und überaltert!" wurde die Vergangenheit betrachtet. Die Bereitschaft, alle Formen, Werte und Grundüberzeugungen in Frage zu stellen, war an der Tagesordnung. Zeitweise wurden die Vorstandsämter abgeschafft und durch einen „Elferrat" ersetzt. Traditionelle Veranstaltungen wurden kurzerhand gestrichen.
Die ständige Bereitschaft zum Dialog zwischen Alt und Jung, das Festhalten an unseren Grundüberzeugungen, aber auch die Gelassenheit und das Verständnis für die Ideen der Studenten durch die Alten Herren unter dem damaligen Philistersenior Oberstadtdirektor Heinrich Austermann führten dazu, dass Markomannia diese Zeit letztlich unbeschadet überstand.
Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet durch die zunehmende Wandlung unserer Alma Mater von einer Universität zu einer Massen-Ausbildungsanstalt. Betrug die Studentenzahl 1952 noch 5.200, waren es Anfang der siebziger Jahre 20.000, heute sind es gar nahezu 45.000. Mit der Grosse geht die zunehmende Entfremdung zwischen Lehrenden und Studierenden einher, der persönliche Kontakt wird durch eine Massenabfertigung ersetzt. Der Leistungsdruck nimmt immer mehr zu. Von einem sicheren Arbeitsplatz nach erfolgreich abgeschlossenem Studium kann keine Rede mehr sein! Welche Gründe nun können dafür verantwortlich gemacht werden, dass Markomannia allen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen zum Trotz die letzten 100 Jahre unbeschadet überstehen konnte? Immerhin haben wir in dieser Zeit Kaiserreich und Weimarer Republik, NS-Zeit, die Bonner und jetzt die Berliner Republik erlebt. Die erschütternden Ereignisse und Zerstörungen von zwei Weltkriegen konnten ihr nichts anhaben! Das feste Fundament der von allen mitgetragenen und nicht in Frage gestellten Grundüberzeugungen, aufgebaut auf den drei Prinzipien Religion, Wissenschaft und Freundschaft, ist sicherlich ein entscheidender Faktor. Es ist unsere Überzeugung, dass das Charisma echter Gemeinschaft nur wachsen kann, wenn eine verbindliche Wertewelt anerkannt wird. Diese Grundlage schafft das Band der Freundschaft, welches Alt und Jung zusammenhält, welches Generationengrenzen überwindet. Die Korporation setzt bewusst einen Kontrapunkt zur Anonymität und Beziehungslosigkeit der Massenuniversität. Persönliche Beziehung und Freundschaft sind tragende Säulen unseres Bundes.
Die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung erfordert es, über den Tellerrand des eigenen Fachbereiches hinauszuschauen, sich mit Kommilitonen anderer Fachgebiete auszutauschen, den eigenen Horizont zu erweitern und den interfakultären Dialog zu pflegen. Auch Hilfestellung ist uns ein wesentliches Anliegen. Probleme, die für den Einzelnen bedrückend erscheinen, lassen sich im Gespräch mit älteren Semestern und Alten Herren oftmals leicht bewältigen. Auch die persönliche Standortbestimmung des Einzelnen ist in einer Gemeinschaft wie einer Korporation weit eher möglich. Schon früh wird der junge Student in die Verantwortung einbezogen durch die Übernahme von Verantwortung für die Bundesbrüder und die Beauftragung mit Vorstandsämtern. Auf Conventen lernt er, seine Meinung zu artikulieren, pro und contra abzuwägen und durch Worte zu überzeugen.
Bei allen Gedankengängen sollte die Gemeinschaft mit Geist und Humor erfüllt sein. Jugendliche Zuversicht und das Vertrauen auf eine gute Zukunft müssen in unser Zusammensein ausstrahlen. Eine weitere, bedeutende Ursache liegt für mich in der Tatsache, dass Markomannia in ihrer Geschichte über herausragende Persönlichkeiten verfügen konnte, die den Wert einer solchen Gemeinschaft erkannt und unerschöpfliches Engagement eingebracht haben. Es waren dies Menschen, die ihren Einsatz nicht auf die Korporation beschränkt, sondern auch darüber hinaus große Verantwortung für andere übernommen haben.

Exemplarisch möchte ich an dieser Stelle einige Bundesbrüder herausgreifen, die sich durch ihr Werk in der Markomannia einen Ehrenplatz verdient haben:
Heinrich Hemme 1905 - 1919
Aus der Vorkriegszeit ist dies der Vikar, spätere Pfarrer Heinrich Hemme, der den Aufbau des Vereines als erster Vorsitzender mit großem Einsatz betrieben hat und 1919 zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde.
Wilhelm Drolshagen 1919 - 1931

Auf ihn folgte der Rechtsanwalt und Notar Wilhelm Drolshagen, der die Korporation mit viel Umsicht durch Weimarer und NS-Zeit führte. Durch geschicktes Taktieren verhinderte er es, dass die Enteignung des Grundstückes und Gebäudes Kampstraße 10 vollzogen werden konnte. Nur so konnten wir nach Kriegsende das Haus zurückerhalten.
Dr. Franz Dietrich 1931 - 1937

Von 1931 bis 1937 führte Bb Studienrat Dr. Franz Dietrich die Korporation. Zuvor hatte er 21 Jahre als Kassierer unermüdlich die Finanzen des Vereines in seinen Händen. In seine Amtszeit fällt die Zusammenlegung mit der Tuiskonia, welche entsprechend den Anordnungen der damaligen Machthaber erfolgt war.
- Hervorheben möchte ich das Schaffen unseres Bb Bernhard Lucas, der in seinem Verlagshaus und der Druckerei Regensberg die damaligen Predigten des späteren Kardinals Graf von Galen gegen die Euthanasie und die Verbrechen der Naziherrschaft druckte. Er musste sicher sein, dass er mit dieser Tat seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel setzte und ein grosses persönliches Risiko einging. Doch seine Überzeugung hat ihn bei dieser Entscheidung geleitet: Ich denke, auch dies ist ein Stück Markomannengeschichte!
Bernhard Salzmann 1952 -1959

In der Nachkriegszeit verdient Erwähnung unser Bb Dr. Bernhard Salzmann. Direkt im Jahre 1945 als Landeshauptmann von den Briten eingesetzt, ist ihm der Wiederaufbau des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu verdanken. In zahlreichen Ehrenämtern war er aktiv, u.a. als Präsident des westfälischen Roten Kreuzes. Als Philistersenior hat er die Restituierung der Korporation nach dem 2. Weltkrieg massgeblich beeinflusst, als Vorsitzender des Hausbauvereines wurde das Markomannenhaus in seiner Verantwortung wiederhergestellt.
Wilhelm Huntgeburth 1959 - 1962

Es folgte ihm im Amte Bb Wilhelm Huntgeburth. Seit 1952 hatte er als stellvertretender Altherrenvereinsvorsitzender wichtige Weichenstellungen in der Nachkriegszeit mitgetragen und umgesetzt. Von 1959 bis 1962 übernahm er selbst das Amt des Philisterseniors. Für seine großen Verdienste wurde er anschließend zum Ehrenvorsitzenden gewählt.
Heinrich Austermann 1963 - 1976

Unvergessen ist unser Bb Heinrich Austermann, der von Oktober 1952 an insgesamt 21 Jahre als Oberstadtdirektor von Münster tätig war. Der Wiederaufbau der im Krieg stark zerstörten Stadt Münster und der Weg zu einer modernen Großstadt darf getrost als sein Lebenswerk bezeichnet werden.
Darüber hinaus schuf er den Verein „Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V." und widmete dieser Aufgabe viel Zeit. In der Markomannia hat er von 1962 bis 1976 mit großem Einsatz und großer Freude das Amt des Philisterseniors bekleidet.
Dr. Viktor Egen 1976 - 1994

Sein Nachfolger in diesem Amte war über insgesamt 18 Jahre bis 1994 Dr. Viktor Egen. Neben seiner Allgemeinpraxis war er in ungezählten Ämtern in der Berufs- und Standespolitik tätig. Dennoch fand er immer wieder die Zeit für seine Markomannia, für die er in den 50er Jahren als Wiedergründungssenior, später als Vorortspräsident, d.h. Bundesvorsitzender des Aktivenbundes des KV, im Vorstand des Altherrenbundes des KV, und zuletzt als Philistersenior Verantwortung übernahm und die Korporation in wechselvoller Zeit stets auf Kurs hielt.
Karl-Eberhard Zangerl 1994 -1998

Schliesslich sei Bb Karl-Eberhard Zangerl genannt, der zunächst als Kassierer, von 1994 bis 1998 als Philistersenior das Ruder unserer Markomannia übernommen und neue Impulse in das Korporationsleben eingebracht hat.
Unter dem Motto „Leser wählen den Münsteraner des Jahrhunderts" veranstalteten die Westfälischen Nachrichten Ende vergangenen Jahres eine grosse Aktion: Unter den 13 zur Wahl gestellten Kandidaten fanden sich immerhin 2 Markomannen: Heinrich Austermann und Bernhard Salzmann! Wahrlich eine Bestätigung der großen Leistungen dieser Persönlichkeiten für ihre Mitmenschen und für das Allgemeinwohl! An dieser Stelle möchte ich den Rückblick beschliessen. Ich wünsche mir, dass wir Markomannen auch in Gegenwart und Zukunft stets in der Lage sein werden, uns kritisch in Frage zu stellen, unseren Platz in der Universität und Studentenschaft, in Gesellschaft, Kirche und Staat immer aufs neue zu suchen, Toleranz für Andersdenkende aufzubringen und jungen Menschen Orientierung und Gemeinschaft zu vermitteln. Lasst uns entdecken, was unser Wahlspruch „viriliter age" für uns in Zukunft bedeuten wird!
Die Anfänge bis zum ersten Weltkrieg
von Markus Wittenberg
Die Universität zur Gründungszeit der Markomannia
Nachdem die bereits 1631 von Papst Urban VIII. und Kaiser Ferdinand II. genehmigte Universität in Münster zwar beschlossen, aber in den Wirren des 30jährigen Krieges nie formal gegründet worden war, weil man die Verlesung der Gründungsurkunde nicht vollziehen konnte, gelang es dem fürstbischöflichen Minister Franz Frhr. von Fürstenberg im Jahre 1773 Papst Clemens XIV und Kaiser Joseph II zur Zustimmung zu einer Universität mit vier Fakultäten zu bewegen (Medizin, Jura, Theologie und Philosophie). Am 16. April 1780 erfolgte die feierliche Gründung. Der jungen Universität war aber nur eine kurze Zeit der Blüte beschert. Nach der Gründung der Universität Bonn musste die junge Alma Mater zu Münster die juristische und die medizinische Fakultät abgeben. Dem Verlust folgte die offizielle Herabstufung zu einer „Höheren Lehranstalt" (Akademie). Die Abwertung wurde auch durch die Tatsache nicht gemindert, dass der münsterischen Akademie das Promotions- und Habilitationsrecht für die Theologische Fakultät erhalten blieb. Die Verantwortlichen verfolgten jedoch hartnäckig das Ziel, die seit 1843 als „Kgl. Theologische und Philosophische Akademie" firmierende Hochschule wieder in den Kreis der Universitäten zu führen. Zielstrebig erfolgten Institutsgründungen an der Akademie, die einen wissenschaftlichen Ruf außerhalb der Theologie begründeten.
An der Wende vom 19. zum 20. Jh. finden die Bemühungen um die offizielle Wiedererrichtung der Universität Münster in den Verbandsmitteilungen des KV regelmäßigen Niederschlag. So berichtet die Ausgabe vom 9. März 1901, der Westfälische Provinziallandtag habe auf Antrag von Münsters Oberbürgermeister Max Jungeblodt beschlossen, daß die „Erweiterung der Akademie zur Universität durch eine juristische Fakultät erforderlich und ein dringendes Bedürfnis ist." Drei Wochen später berichten die Mitteilungen vom (einstimmigen!) Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Münster, sich zu 50% an den Kosten der juristischen Fakultät zu beteiligen und 150.000 M für Gebäude beizusteuern. Die örtlichen Gremien waren um so mehr bereit, einen erheblichen Teil eigener Mittel für das lang gehegte Ziel aufzubringen, als Münster im SS 1901 erstmals mehr als 800 ordentliche Studenten zählte - mehr als die etablierten Universitäten Greifswald, Rostock oder Jena! Erst Ende 1901 aber (AM vom 15. Dezember 1901) bestätigte der Preußische Staatsrat die Einrichtung der juristischen Fakultät.
Zu Beginn des Jahres 1902 wurden die Professorenstellen der Rechts- und Staatswissenschaften besetzt und am 11. März 1902 vom Preußischen Abgeordnetenhaus bestätigt. Somit konnten Studenten und Stadt Münster die Erhebung der Akademie zur Universität am 28. April 1902 mit einem Fackelzug feiern (AM vom 25. Mai 1902). Am 15. Oktober 1902 immatrikulierten sich offiziell die ersten Studenten. Universität und Korporationen huldigten am 1. Oktober 1902 dem preußischen Herrscher dankbar mit einem Kaiser-Wilhelm-Kommers. Seit der Westfalenreise 1907, bei der Wilhelm II das Patronat übernommen hatte, trug die Universität auch seinen Namen: „Westfälische Wilhelms-Universität". Der Aufschwung der Hochschule setzte sich fort. Bereits im Januar 1903 überschritt die Zahl der ordentlichen Studenten mit stud. iur. Holtgreve aus Gumbinnen (Ostpreußen) die l .000er-Marke, im Juni 1904 waren es bereits 1.255. Die philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät stellte mittlerweile mit 641 (ca. 50%) den größten Anteil, gefolgt von der juristischen Fakultät mit 331 und der theologischen mit 283. Zur Jahrhundertwende hatten die Theologen noch fast 50 % der Studenten gestellt (358 von 733 im WS 1900/01). 1905 waren bereits über 1.500 Studenten immatrikuliert, die von 70 Professoren und Dozenten ausgebildet wurden. Unverändert blieb der fast rein deutsche Charakter der Universität; die 13 Ausländer im Jahr 1904 stammten aus den Niederlanden (3), Russland, Frankreich und der Schweiz (je 2) sowie aus Belgien, Luxemburg, Österreich-Ungarn und Amerika (je 1). Die Studentinnen stellten gleichfalls eine kleine Minderheit dar: 1911 im gesamten Deutschen Reich gerade 4,4 %!
Parallel zum Aufschwung der schon bestehenden bzw. wiedererrichteten Fakultäten forcierte der Provinziallandtag auch die Erweiterung der Universität um die Medizin (Beschluss vom 9. März 1903). Auch die Stadtverordnetenversammlung erklärte eine medizinische Fakultät für erforderlich (Juli 1903). Am 27. Oktober 1904 forderte sie die Errichtung weiterer Institute für die Vorklinik. Trotz der von den Standesorganisationen vorgetragenen Sorgen um den ärztlichen Stand (aufgrund der Überfüllung in den größeren Städten drohe eine materielle Notlage; das jährliche Assistenzarztgehalt fiel im Jahr 1904 von 2.000 auf 1.600 Mark!) schritt der Aufbau der Fakultät voran: am 25. August 1906 wurde in Münster das erste Physikum absolviert. Die Alma Mater Monasteriensis vereinigte somit am Vorabend des l. Weltkriegs, fast 100 Jahre nach der Herabstufung zur Akademie, unter ihrem Dach wieder die vier klassischen Säulen Theologie, Medizin, Jurisprudenz und Philosophie/Naturwissenschaft!
Die Studentenschaft der Universität Münster an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert
Nach der Skizzierung der universitären Situation zur Jahrhundertwende lohnt sich ein Blick auf die Studentenschaft und den KV. Wenn man die AM der damaligen Zeit Revue passieren lässt, fällt zunächst auf, dass sich keinerlei Rückwirkungen von Bismarcks Kulturkampf gegen den deutschen Katholizismus finden, obwohl diese schwere Auseinandersetzung zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche erst ca. 20 Jahre zurücklag. Zur Erklärung dieser scheinbaren Harmonie muss man sich vergegenwärtigen: Der KV fühlte und dachte in fast gleicher Weise deutschnational wie die gesamte Studentenschaft. Dies galt auch für Münster. Regelmässig fanden festliche Kommerse zu Ehren der Herrscherfamilien und hervorragender Repräsentanten des Kaiserreichs statt, z.B.:
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Oktober 1900: Moltke-Kommers in Münster;
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Januar 1901: Majestäts-Geburtstags-Kommers in Münster;
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Februar 1901: Prinzregenten-Kommers in München;
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April 1901: Kaiserkommers zum Studienbeginn des deutschen Kronprinzen in Bonn;
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Oktober 1902: Kaiser-Wilhelm-Kommers in Münster.
In besonderer Weise beleuchtet eine Gruß-, beinahe Ergebenheitsnote der "vereinigten Studentenkorporationen" zu Münster an Paul „Ohm" Krüger anlässlich eines Besuches in Westfalen die damalige Stimmung: „Die Studentenschaft Münster spricht dem greisen Staatsmanne des stammverwandten Burenvolkes beim Betreten der westfälischen Erde ihre Bewunderung und Verehrung aus." Die Markomannia stand dieser Mentalität nicht nach; man spürt sie deutlich, wenn man die Berichte über die ersten Vereinssemester und insbesondere über die Kriegsjahre in den Festschriften von 1926 (Nachdruck von 1990) oder 1976 liest. Eine aktive Verantwortung des Akademikers für Volk und Staat ist aus den AM nicht ersichtlich - in heutiger Zeit undenkbar! Keine kritische Betrachtung der sozialen Brennpunkte des Deutschen Reiches, keine Reflexion über die innen- oder außenpolitische Situation. Stattdessen finden sich etwa 1901/02 und 1906 z.T. mehrteilige Abhandlungen über „Alkoholgenuss und seine Folgen vom medicinischen Standpunkt" von Kb Dr. Seiffert (Un, Sx) oder „Die Alkoholfrage". Lediglich im theologisch-philosophischen Bereich oder direkt universitätsbezogen erscheinen grundlegende Abhandlungen (z.B. über die Stellung der modernen Studenten zur katholischen Kirche vom 25. März 1907 oder über das Verhältnis der deutschen Universitäten zum Staat vom 25. August 1909). Die Berichte über den Kriegsbeginn 1914 platzen gewissermassen unvermittelt in den bunten Reigen der unbelasteten Semester- und Festberichte.
Der KV und die Germania an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert
Gern ist man geneigt, die früheren Jahrzehnte der Korporationen in allzu rosigem Licht zu betrachten. Sicher, die Zahl der Aktiven, der Füchse und der Organisationsgrad der Studenten beeindrucken uns heute und lassen Wehmut aufkommen. Dennoch brachten die großen Aktivenvereine auch erhebliche Schwierigkeiten mit sich, die man an der Entwicklung unserer Mutterkorporation Germania ablesen kann.
Die Germania hatte sich in den 35 Jahren seit ihrer Gründung zur stärksten der damals 110 katholischen Korporationen im Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und der Schweiz entwickelt. Sie zählte am 23. November 1900 mehr als 100 Aktive, am 14. Februar 1901, dem Tag des entscheidenden „Teilungsconvents" sogar 140 BbBb in der Aktivitas! Etwa jeder 5. Student Münsters gehörte also der Germania an. Ein geregeltes Vereinsleben war unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Trotz des uns heute immens erscheinenden Zustroms von Neumitgliedern und großen Fuchsenställen kriselte es allerdings im gesamten KV, der zwischen 1901 und 1904 aufgrund stagnierender Mitgliederzahlen (ca. 1.650) seine Vorrangstellung gegenüber dem CV verlor. Ein Grund war dabei auch die hohe Zahl von Austritten, die etwa im Jahr 1904 bei 100/Jahr lagen und Anlass zu ernster Sorge gaben.
So verwundert es nicht, daß es in der Gemeinde eine große Übereinstimmung gab, die Korporation zu teilen, um den unterschiedlichen „Fraktionen" eine neue Korporationsheimat zu schaffen (dies ist wie auch das Folgende unter Einschluß der Zitate nachzulesen in der genannten Festschrift von 1914). Bereits 1894 war eine Trennung geplant gewesen, um den Zwiespalt zwischen Philologen und Theologen zu beenden. Seit dem SS 1899 wurden die Planungen konkreter, jedoch sprach sich am 26. Oktober 1899 der Philisterverein noch mit knapper Mehrheit der persönlich anwesenden BbBb gegen eine Teilung aus; die schriftlichen Stellungnahmen befürworteten bereits eine solche. Nicht zuletzt gefördert durch die Berichte in den AM über erfolgreiche Gründungen von Tochterkorporationen im Jahr 1900 in Bonn und Freiburg (Armina/Frisia und Brisgovia/Bavaria) beschloß Germania am 4. Februar 1901 prinzipiell die Teilung. Am 9. Februar 1901 legte eine eigens zu diesem Zweck mit Mehrheit bestellte Kommission auf einem äußererdentlichen Konvent eine Reihe von Resolutionen bezüglich einer Teilung vor. Diese beinhalteten weitgehende Vollmachten für die „unverantwortliche" (i. e. nicht dem Konvent verantwortliche) siebenköpfige Kommission, da damit zu rechnen war, daß über 50% der BbBb die Germania verlassen wollten. Mit 116 von 121 Stimmen (bei 5 Enthaltungen) beschloß dieser BC endgültig die Teilung und bestätigte die von der Kommission ausgearbeiteten Modalitäten.
Die Hauptsätze waren:
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Niemand kann gezwungen werden, aus Germania auszutreten, wohl aber in Gernania zu bleiben.
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Die Übertretenden bleiben Inaktive der Germania, verlieren aber das Recht zur Teilnahme an den Konventen.
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40 Aktive müssen in Germania verbleiben.
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I. A. i. 1. bedürfen zum Übertritt der Erlaubnis des Konvents.
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Die Aktiven, welche ev. übertreten wollen, zeichnen sich in eine Liste ein, und aus dieser setzt dann eine aus dem B. C. gewählte unverantwortliche siebengliedrige Kommission die neuen Vereine zusammen.
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Ein Korporation von weniger als 20 Mitgliedern soll nicht gebildet werden.
Der 9. Februar 1901 gilt als der Gründungstag der Markomannia (wie auch der Cimbria), obwohl zu diesem Zeitpunkt weder die Namen der Gründungsmitglieder noch der Name der neuen Korporation (en) feststanden und die Durchführung der Bestimmungen erst 5 Tage später erfolgte. Dann erst (14. Februar 1901) wurden die Namen der Übertretenden mitgeteilt und endgültig entschieden, zwei Tochterkorporationen zu gründen. Es zeigte sich, daß 90% der Wünsche berücksichtigt werden konnten. Nach Absingen des Germanenliedes, das nie von so vielen Aktiven angestimmt worden ist, versammelten sich direkt anschließend die 28 Germanen zum Gründungsconvent derjenigen neuen Korporation, die sich noch am gleichen Tag einstimmig den Namen Markomannia erwählte. „Kein Mißton hatte die ganzen Verhandlungen gestört, einstimm-mige Begeisterung hatte geherrscht, das gemeinsame Ziel war das Interesse des Kartellverbandes." Am 26. Februar beschloss die Germania mit einer Kneipe dieses denkwürdige Semester. Andere Korporationen beschatten in jener Zeit weitaus kompromißlosere Wege; die Brisgovia ließ etwa das Los über die zukünftige Korporationszugehörigkeit entscheiden (AM vom 25. September 1902)!
Die junge Markomannia (1901 bis 1918)
Wegen des nahe bevorstehenden Semesterschlusses hatten die Markomannen auf dem Gründungsconvent unter der Leitung von cand. theol. Maring auf eine förmliche Chargenwahl verzichtet und cand. math. Hubert Schulte (x), cand. theol. Heinrich Hemme (xx) und cand. math. Franz Goebel (xxx) 7 Leitung des Vereins übertragen. Auf dem ersten Convent wurden Name und Farben, auf dem zweiten Convent am folgenden Tag Zirkel und Wahlspruch festgelegt. Ein „offizieller" Semesterschluss mit der traditionellen Kneipe war noch nicht möglich, da die Bestätigung der jungen Korporation durch den Senat der Universität noch ausstand.
So trat die Korporation am 25. April 1901 mit einer Semesterantrittskneipe und der Rezeption des ersten Fuchsen an die Öffentlichkeit. Beim Antrittskommers am 7. Mai 1901 zählte die Aktivitas bereits 35 Mitglieder. Der Zustrom hielt auch in den folgenden Wochen und Monaten an, so dass der Aktivenverein am Ende des SS 1901 bereits 49 BbBb umfasste und die Aktivitas bis zum 25. Januar 1902 ihre Mitgliederzahl fast verdreifacht hatte! Der erste Semesterbeitrag wurde für Inaktive (AM 9/1901) und Aktive (AM 9/1904) auf 5 Mark festgelegt. Beim Festkommers zu Ehren von Prof. Dr. Niehues (E.d. Gm) am 7. Juni 1901 versammelten sich nochmals fast alle alten und neuen BbBb und KbKb der Germania und Markomannia.
Noch vor dem offiziellen Publikationskommers auf dem 37. Stiftungsfest der Germania (31. Juli 1901) chargierte die zweite Tochterverbindung Cimbria auf der Großen Prozession (8. Juli 1901). Die Sorgen um den personellen Bestand der Germania durch den Aderlass einer doppelten Korporationsneugründung erwiesen sich als unbegründet, denn trotz der neuen Korporationen konnte Germania auf dem Publikationskommers der Markomannia und der Cimbria 22 Füchse rezipieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt konzentrierten sich in der Markomannia die meisten münsterischen Bürgersöhne (AM vom 25. August 1901). Mit den Philistrierungen von J. Uppenkamp und Otto Rietmeyer begann zeitgleich mit dem Publikationskommers auch die Geschichte des zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht organisierten Altherrenvereins. Die endgültige Abnabelung von der Germania markierte der Austritt des „Ur-Philisters" Rietmeyer aus der Germania zum 1. Januar 1902, zeitgleich erklärten sich die BbBb Peter Görg, Jakob Graf und Heinrich Hemme zu AHAH.
Beim ersten Stiftungsfest im SS 1902 wies die Markomannia bereits die höchste Aktivenzahl in Münster auf und stellte mit Bb Karl Leinemann erstmals den KVMx. Das zunehmende Selbstbewusstsein unterstrich die Tatsache, dass die Markomannia vom WS 1903/04 an die Stiftungsfeste allein feierte. Im gleichen Semester präsidierte mit Bb iur. Paul Meer am 29. Januar 1904 erstmals ein Markomanne den Kaiser-Kommers mit 21 chargierenden Korporationen. 2 Tage nach dem Abschluss dieses glanzvollen Semesters musste die Korporation allerdings ihren ersten verstorbenen Bb zu Grabe tragen - Franz Schewering aus Osterwiek. Mit dem anhaltenden Aufschwung des Korporationslebens (trotz der häufigen Wechsel des Verbindungslokals) und der erfolgreichen Positionierung in Münsters Gesellschaft entstand der Wunsch nach einem eigenen Verbindungshaus. Bereits im Sommer 1904 drückte der gebräuchliche Abschiedsgruß „Auf Wiedersehen im neuen Heim" die Hoffnung aus, dieses Ziel verwirklichen zu können (AM 11/1904). Folgerichtig wurde 1906 die Hausbaukasse gegründet und am 26. Juni 1910 der förmliche Beschluss gefasst, „vorbehaltlich der Regelung der Geldfrage" ein Haus zu bauen. Viele Bedenken waren zunächst zu überwinden. Aber nach dem Grundstückskauf am 13. September 1910 erfolgten im März 1911 der erste Spatenstich und schon am 30. April 1911 die Grundsteinlegung. Bereits am 5. November 1911 wurde das Haus mit einer Kneipe in Benutzung genommen. Die offizielle Einweihung jedoch fand erst im Rahmen des Festes zum 10jährigen Bestehen der Markomannia vom 5. bis 7. Januar 1912 statt. Die Abfolge dieses offenbar rauschenden Festes ist in aller Ausführlichkeit in den AM vom 25. Januar 1912 nachzulesen. Nicht ohne Stolz betonte zum Schluss der namentlich leider nicht genannte Chronist die Tatsache, dass Markomannia nunmehr im Besitz des ersten Korporationshauses Münsters sei - und dies bei gesunder finanzieller Grundlage, die „vom Vorsitzenden an Hand eingehender Aufstellungen konstatiert werden konnte". Etwa 80.000,- RM hatten die BbBb aufbringen müssen. Leider schlichen sich schon früh erste Unsitten in das Verbindungsleben ein: Das Protokoll der Generalversammlung 1903 vermerkt das Fehlen von Bb Drolshagen über einen ganzen Tag, 1904 lediglich noch das verspätete Eintreffen der Vertreter Markomanniae um eine (!) Minute! Berichte der Markomannia tauchen in den AM leider - mit Ausnahme des vorgenannten Festberichts - nur ganz sporadisch auf. Insbesondere finden sich keine Mitteilungen über die Gründe, im WS 1909/10 den Vollwichs abzuschaffen. Im Gegenteil, die AM zitieren noch in der Ausgabe 12 vom 9. September 1908 Bb Schnippenkötter für den 14. Juni 1908 als Verfechter des Vollwichses beim Katholikentag gegen den sonst zur Debatte stehenden Frack. Ebenso wie weite Teile des deutschen Volkes so traf der Kriegsbeginn auch den KV und die Markomannia unvermittelt. Die Aktiven meldeten sich in großer Zahl freiwillig zur „vaterländischen Tat" an die Front und kämpften - ihrer deutsch-nationalen Einstellung folgend - mit großem Einsatz: 28 Gefallene hatte Markomannia zu beklagen! Die Korporation versuchte überwiegend mit Kriegsversehrten und Kriegsuntauglichen ein behelfsmäßiges Vereinleben aufrecht zu erhalten. Die Festschriften von 1926 (Nachdruck von 1990) und 1976 seien hier dem Interessierten zur weiteren Lektüre empfohlen.
Markomannia 1922—1932
Von Paul Voßkühler
Schwere Zeit 1922/23
Sahen die drei ersten Nachkriegsjahre in den Reihen der Korporation fast ausschließlich ehemalige Soldaten, die ihre durch den Krieg unterbrochenen oder hinausgeschobenen Studien aufnahmen, so setzte im Jahre 1922 allmählich ein Wandel ein. Die Kriegsteilnehmer schlossen ihre Studien ab, an ihre Stelle traten junge Studenten, die Krieg und Revolution noch in den Pennälerjahren miterlebt hatten. Die jetzt folgenden Semester waren ähnlich bewegte, wie die Kriegs- und Revolutionszeit sie gebracht hatte. Die Geldentwertung mit ihren schwerwiegenden Folgen, das Werkstudententum mit seinen manchmal harten Anforderungen, die militärische Besetzung des Ruhrgebietes durch die Alliierten, die Münster aus nächster Nähe miterlebte, das alles waren Ereignisse, die von außen her die Entwicklung der Korporation nachhaltig beeinflußten. Hinzu kam im Innern die notwendige Einstellung auf die Gedanken der neuen Zeit: Hochschulpolitische Fragen sowie Forderungen des Sportes und der Jugendbewegung traten an den Verein heran und drängten auf eine Auseinandersetzung mit den alten überlieferten Korporationsformen. Mitten durch diese unruhevolle Zeit geht der weitere Weg der Markomannia.
Das 21. Stiftungsfest
Das Sommersemester 1922 vereinigte einige Kriegsteilnehmer mit einer großen Zahl junger neu aufgenommener Markomannen zu einer fröhlichen Aktivitas. Den Höhepunkt des Semesters bildete das 21. Stiftungsfest, das zu Anfang August gefeiert wurde. Vorher war in den „Mitteilungen" herzlich eingeladen worden, „der jungerblühten Markomannia zu ihrem Volljährigkeitstage" durch zahlreichen Besuch alle Ehre anzutun. So fanden sich denn weit über 100 Markomannen aus allen Teilen des Reiches ein, um diesen Gedenktag zu feiern. Die stark besuchte Festkneipe zeigte der Korporation zum ersten Male die Chargierten in Frack und Schärpe mit den neuen Cerevisen, in den seit jenem Semester chargiert wurde. Die anschließenden Ferienmonate wurden wegen des fortschreitenden Währungsverfalls von den meisten Vereinsbrüdern zur praktischen Arbeit im Bergbau, in der Industrie oder in der Landwirtschaft genutzt. Dabei war es wichtig, das „viele" selbstverdiente Geld — ein Zeichen jener Zeit — sofort in Sachwerte umzusetzen. Das anschließende Wintersemester 1922/23 mußte wegen der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in einem ganz bescheidenen Rahmen verlaufen. Größere Feste konnten nicht stattfinden. Mehr als je zuvor wurde das Haus Mittelpunkt und Zufluchtsort der Korporation. Bier-, Spiel- und Vortragsabende führten hier die Aktiven zusammen und ließen sie den düsteren Zeiten zum Trotz manche frohe Stunde verleben. Reiche geistige Anregung brachten in jenem Winter die Faustabende, die durch den Vortrag von Dr. Gerhard Jacobi das ganze Werk unter den Aktiven lebendig werden ließen.
Die Ruhrbesetzung
Weil Deutschland mit den hohen Reparationszahlungen an die Alliierten etwas in Rückstand gekommen war, rückten Anfang Januar 1923 französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet ein und besetzten damit einen großen Teil von Westfalen. Nach wenigen Tagen standen die Franzosen an der Lippe, und man rechnete allgemein mit einem weiteren Vordringen bis nach Münster. Als daraufhin die Reichswehr plötzlich 1200 Nothelfer aufrief, die die militärischen Lager in Münster ausräumen sollten, stellte sich die ganze Aktivitas zur Verfügung. So vergingen mehrere Tage in fieberhafter Tätigkeit, an denen die Vereinsbrüder zusammen mit anderen Kommilitonen die Lagerbestände des Artilleriedepots und des Proviantamtes der Reichswehr in Eisenbahnwagen verluden und diese dann zu Zügen zusammenstellten, die sogleich weiter in das Landesinnere rollten. Andere Vereinsbrüder ließen sich bei der Kraftfahrerabteilung der Reichswehr einstellen, um dort Hilfe zu leisten. Mitten in diese Tage fiel die Wiederkehr des Reichsgründungstages, der 18. Januar 1923. An diesem Tage versammelten sich die akademischen Korporationen mit den vaterländischen Verbänden zu einer Reichsgründungskneipe im großen Saale des Schützenhofes, die unter großer Beteiligung einen eindrucksvollen Verlauf nahm.
KStV Carolingia Aachen ausgewiesen
Täglich fluteten Scharen von Ausgewiesenen aus den besetzten Gebieten nach Münster, die hier Schutz und Hilfe suchten. Eines Tages traf die Kartellkorporation Carolingia Aachen in Münster ein. Die Kartellbrüder waren wegen passiven Widerstandes von den Belgiern festgenommen und nach kurzer Haft ausgewiesen worden. Die Reichsregierung vermittelte den Ausgewiesenen sogleich Studienplätze an anderen Technischen Hochschulen. Auf der Durchreise machten die Carolinger in Münster halt, wo der K.V.M. die münsterischen Korporationen zu einer Begrüßungskneipe für die ausgewiesenen Kartellbrüder ins Cimbernhaus an der Krummen Straße rief. In jenen Monaten traf mehrfach bei der Korporation die Nachricht ein, daß Markomannenphilister im besetzten Gebiete wegen passiven Widerstandes von der Militärregierung festgenommen und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Der Verein brachte ihnen in Briefen sein Mitgefühl zum Ausdruck; von jeder Kneipe gingen damals Karten und Briefe zu den gefangenen Brüdern. Bei verschiedenen Gelegenheiten griffen auch Mitglieder der Aktivitas selbst in den Ruhrkampf ein und wirkten unter Einsatz ihres Lebens für die deutsche Sache.